Von Diez nach Obernhof (4. Juni 2009)

Da es in den nächsten fünf Wochen schwierig wird, einen Tag frei zu bekommen, habe ich mich sehr kurzfristig entschlossen, eine weitere Etappe auf dem Lahn-Camino zu pilgern. Nachdem ich bereits bis Diez gekommen bin, soll die nächste Etappe auch dort beginnen und mich bis nach Obernhof mit dem altehrwürdigen Kloster Arnstein führen. So mache ich mich am frühen Morgen auf den Weg, beginne an der Haustüre mit kleinem Tagesgepäck auf dem Rücken. Erstmalig habe ich meinen neuen Pilgerstab dabei, den ich erst vor ein paar Tagen im Wald gefunden habe. Dass er schon so schnell zum Einsatz kommen würde, hätte ich selbst nicht gedacht. Ich überlegte sogar, ihn zu Hause zu lassen. Man glaubt aber gar nicht, welch gute Dienste einem ein solcher Stab in profiliertem Gelände leisten kann. Doch dazu später.

Ich komme nach gut zwanzig Minuten am Koblenzer Bahnhof an. Mein Zug steht bereits abfahrbereit am Bahnsteig. Ich ziehe mein Ticket und suche mir einen schönen Platz am Fenster, sodass ich später die Lahn im Blick habe. Cirka eine Stunde später treffe ich in Diez ein. Der Bahnhof befindet sich in einem schäbigen Zustand, keine gute Visitenkarte für die Stadt. Vom Bahnhof begebe ich mich zunächst in Richtung Innenstadt. Die Straße ist aufgerissen, hier wird seit Monaten gebaut. Vor mir nähert sich die Silhouette des ehemaligen Grafenschlosses, dessen älteste Teile aus dem 11. Jahrhundert stammen. Nachdem es in der Vergangenheit als Amtshaus der Nassauer oder bis ins 20. Jahrhundert auch einmal als Gefängnis diente, wird es nun seit einigen Jahren als Jugendherberge genutzt. Zudem befindet sich das Diezer Standesamt im Schloss. Unterhalb des Schlosses finde ich auch die ersten Wegweiser des Lahn-Caminos, die mich direkt zur katholischen Pfarrkirche Herz-Jesu führen. Die Kirche selbst ist ein gotischer Hallenbau, während der dazugehörende Turm eher der modernen Zeit zuzuordnen ist. Schade, dass die Kirche noch verschlossen ist. Ich kann aber durch eine gläserne Türe hineinschauen. Das Pfarrbüro befindet sich wegen Umbauten zurzeit direkt gegenüber dem Kircheneingang. Ich erhalte dort den ersten Stempel für heute in meinen Pilgerpass.

Der Weg führt mich nun auf die Höhen, es geht zunächst über Serpentinen und dann über eine steile Straße nach oben. An der nächsten Kreuzung biege ich nach rechts ab und kann am Horizont schon die Schaumburg erkennen. Jedoch sind es noch einige Kilometer, bis ich tatsächlich davor stehen werde. Zunächst geht es auf einem schmalen Pfad hinter der Leitplanke einer Kreisstraße her, der aber bald in ein kleines Waldstück abzweigt. Wenig später überquere ich die Straße oberhalb eines Friedhofes und gelange so auf einen breiteren Feldweg. An dessen Rand erhasche ich die neugierigen Blicke einer Schafherde. Nun schlängelt sich der Weg wieder abwärts in Richtung des kleinen Örtchens Fachingen, auf das man von einem Aussichtspunkt einen schönen Blick werfen kann. Am Fachinger Bahnhof gibt mich der Waldpfad wieder frei und ich durchquere das Dorf bis zum anderen Ende. Hier ist sogar die Lahn in unmittelbarer Sichtweite. Auf dem nächsten Abschnitt kommt dann erstmalig mein Pilgerstab so richtig zum Einsatz. Es geht steil hinauf bis zu einer Schutzhütte mit Grillplatz. Doch noch ist das Ende dieser Passage nicht in Sicht, auch wenn es nun etwas moderater wird. Ich trete aus dem Wald heraus und vor mir befinden sich saftig grüne Wiesen, deren Farbgebung sicherlich bei Sonnenschein noch intensiver erscheinen würde. Zurzeit ist es nämlich ziemlich grau und der Himmel bewölkt. Das Thermometer zeigt wohl auch nur um die vierzehn Grad an, aber zum Glück bleibt es trocken.

An der nächsten Biegung bietet sich ein traumhafter Ausblick auf die Lahn und auch noch einmal auf Fachingen. Hier oben folgt der Weg nun den natürlichen Vorgaben des Flussbettes, entlang felsiger Erhebungen. Ich laufe über eine schmale Holzbrücke und erreiche einen weiteren überdachten Aussichtspunkt, der zum wiederholten Male einen tollen Blick ins Tal preisgibt. Nur wenige Minuten später endet der Waldweg an einer Schranke und einem Wegekreuz aus Lahnmarmor. Hier beginnt das Örtchen Balduinstein. Doch zunächst heißt es mal wieder, die zuvor mühsam erklommenen Höhenmeter bergab zu bewältigen. Am Bahnhof hat man einen ersten Blick auf das Zentrum und hoch oben thront die imposante Schaumburg. Auffällig ist der inzwischen von einigen Häusern umbaute achteckige Portturm, der durch seine Bauweise selbst den Historikern viele Rätsel aufgibt. Es gibt Vermutungen, dass die Templer die Bauherren gewesen sein könnten, vieles spricht wohl dafür. Schaut man nun in das Tal linker Hand hinein, erkennt man auf einem Felsen die Burg Balduinstein. Diese wurde im frühen 14. Jahrhundert von Kurfürst Balduin von Trier erbaut. Etwas davor passiere ich noch die katholische Pfarrkirche St. Bartholomäus.

Am Ortsausgang steigt der Weg wieder an, das nächste Ziel wird die Schaumburg sein. Diese wurde wohl schon im 10.  Jahrhundert erbaut, aber erst im 12. erstmals urkundlich erwähnt. Hinter der Schaumburg (eine Besichtigung war leider nicht möglich) fühlen sich anscheinend einige maulende Rinder von mir in ihrer Ruhe gestört. Es geht an steilen Mauern und über schmale Trampelpfade bergab zum Talhof. Direkt nebenan befindet sich ein Teich, einige Enten schnattern mich an. Weiter geht es durch großflächiges Weideland. Hier treffe ich wieder auf Vieh. Dieses Mal sind es einige ungarische Steppenrinder mit extrem langen Hörnern. Kurze Zeit später biegt der ausgeschilderte Weg wieder in ein Waldstück ab. Ein Schild informiert mich, dass ich nun das Naturschutzgebiet Gabelstein-Hölloch betrete. Vom Aussichtspunkt Falkenhorst hat man erneut einen phantastischen Ausblick auf das Lahntal sowie auf das Naturdenkmal Gabelstein. Hierbei handelt es sich um einen sagenumwobenen Felsen aus vulkanischem Diabas-Madelstein in der Nähe von Cramberg. Mit scharfem Auge kann man einige dort ansässige Greifvögel kreisen sehen. Nach einer kurzen Waldpassage laufe ich auf einem Wiesenweg durch Rapsfelder, die allerdings schon verblüht sind. Für einen kleinen Farbtupfer darin sorgen die vereinzelt wachsenden Mohnblumen. Am Horizont erblicke ich das Dörfchen Steinsberg, die Glocke des Rathauses läutet gerade zur zwölften Stunde, welch eine Begrüßung! Ich durchquere das Dorf, passiere am anderen Ende eine Koppel mit einigen Pferden sowie ein kleines Blockhaus, das sich als großer Bienenstock entpuppt. Da habe ich ja heute einen tierischen Tag erwischt - dafür begegnet mir keine Menschenseele. Jetzt geht es bergab durch das Rupbachtal. Es dauert aber nicht lange, da muss ich wieder auf die Lahnhöhen hinauf. Dort werde ich mit einem schönen Blick auf Laurenburg mit der Burgruine und dem Schloss entschädigt. Fast wieder auf Flussniveau marschiere ich entlang den Gleisen der Lahntalbahn. Hinter einem Bahnübergang wird der Camino immer schmaler, nur getrennt durch einen Drahtzaun und später durch hohen Bewuchs.

Nun erwartet mich ein anstrengender Abschnitt. Es geht fast zwei Kilometer steil aufwärts durch ein in Vergessenheit geratenes, schmales Bachtal. Wie gut, dass ich meinen Pilgerstab habe, der mir richtig gute Dienste leistet. Oben angelangt, führt mich schon ein Wegweiser zur Brunnenburg, einem ehemaligen Kloster, das um 1200 gestiftet wurde. Jedoch gab man das wahrscheinlich von Benediktinerinnen bewohnte Stift bereits dreihundert Jahre später schon wieder auf und es verfiel zur Ruine. Imposant sind trotzdem die Reste des Kirchenportals und des Chores. Es ist jetzt nicht mehr weit bis Obernhof, denke ich. Aber falsch eingeschätzt, der Camino schlängelt sich weiter um die Lahnwindungen herum. Es gibt immer wieder Möglichkeiten, einen herrlichen Blick in das enge Tal zu erhaschen, so zum Beispiel auf Kalkofen, bekannt durch den dortigen Lahnpegel. Nachdem sich der Weg abwechselnd in die Höhen und Tiefen bewegt, erblicke ich endlich Obernhof. Ein kleiner Umweg von insgesamt einem Kilometer zum Schillertempel steigert diesen traumhaften Ausblick noch einmal. Doch schon bald erkenne ich, dass mein Tagesziel nicht mehr fern ist. Ich laufe inzwischen am Rand einer Landstraße entlang, die kurz darauf einen scharfen Rechtsknick macht. Genau hier in dem Knick ist der Ortsbeginn von Obernhof und hier steht ein recht großes Kruzifix. Ich folge der Straße noch ein paar Meter und biege dann links ab in Richtung Kloster Arnstein, das ich heute noch besuchen möchte.

Unterhalb des Klosterbergs passiere ich die Ruine der ehemaligen Pfarrkirche St. Margareta, die erst kürzlich befestigt wurde. Sie wird hin und wieder für ökumenische Gottesdienste genutzt. Gegenüber befindet sich die Klostermühle, die zu früheren Zeiten für die Versorgung des Klosters zuständig war. Heute beherbergt sie eine Bibelschule. Im Kloster Arnstein angekommen, begebe ich mich zuerst in die Klosterkirche, um ein wenig zur Ruhe zu kommen und über den Tag nachzudenken. Eine Besuchergruppe erhält gerade eine Führung durch Pater Bernhard, mit dem ich mich auch noch unterhalten möchte. Ich treffe ihn später im Klosterladen und bitte ihn um einen Stempel für meinen Pilgerausweis. In unserem Gespräch erzählt er mir, dass er selbst schon einige Jahre Militärpfarrer war und auch unseren evangelischen Militärdekan Karsten Wächter kennt. Im kommenden Jahr wollen wir mit einer Pilgergruppe von Diez nach Lahnstein pilgern und eventuell in der Jugendbegegnungsstätte im Kloster Arnstein übernachten.Ich blicke auf meine Uhr und stelle fest, dass es jetzt Zeit wird, zurück zum Bahnhof zu gehen, damit ich nicht eine weitere Stunde warten muss. Vorher möchte ich aber noch den kleinen Anstieg zur Kanzel erklimmen, von der man einen wirklich traumhaften Ausblick auf die gesamte Klosteranlage und Obernhof hat. Ich schaffe es rechtzeitig zum Bahnhof und habe sogar noch einige Minuten Zeit. Auf der anderen Lahnseite schaut aus einer Baumgruppe die evangelische Kirche aus dem Jahre 1715 hervor. Kurz darauf fährt auch schon mein Zug ein. Nach fast fünfundvierzig Minuten bin ich wieder in Koblenz und muss dann, wie immer, einen letzten Berg erklimmen, um nach Hause zu kommen. Dabei lasse ich den Tag Revue passieren. Diese Etappe war sicherlich nicht ganz einfach zu bewältigen und ist mit rund dreißig Kilometern sehr lang. Dafür gibt es aber viel zu sehen, seien es die schönen Aussichtspunkte auf das Lahntal oder auch die historischen Ruinen und Bauten.