Von Saulheim nach Westhofen (11. Mai 2011)

Heute erwartet uns ein langer, beschwerlicher Weg über 35 Kilometer. Wir haben uns daher entschieden, eine Stunde früher als sonst loszugehen. Um 7:00 Uhr sitzen wir bereits am Frühstückstisch. Auch hier in Saulheim ist das Angebot sehr gut. Bei der Zubereitung eines Tees aus losen Zutaten komme ich jedoch ins Stocken. Ein anderer Gast erklärt mir die Handhabung der für mich unbekannten, aber genialen Teebeutel. Nach dem Befüllen und mehrfachen Falzen des Beutels genieße ich ein schmackhaftes Getränk.

Allmählich trudeln alle anderen an unserem Versorgungsfahrzeug ein und wir können starten. Zunächst geht es quer durch Saulheim, dann an Feldern vorbei, wo gerade Spargel gestochen wird. Wir überqueren eine Landstraße und erreichen das Udenheimer Heiligenhäuschen, einem vierseitigen Bilderstock. Kurz darauf laufen wir bereits durch Udenheim. Auf einem Hügel über dem Dorf erhebt sich die Bergkirche, an der wir einen weiteren Stempel bekommen. Hinter der Kirche lassen wir uns zur Morgenandacht auf dem Rasen nieder. Alexander berichtet uns weiter von Elija. Dieser wurde inzwischen von König Ahab gesucht. Der Prophet erhielt von Gott den Auftrag, sich dem König zu zeigen. Beide gaben sich gegenseitig die Schuld für die Dürre. So kam es zu der Machtprobe zwischen Elija und den Priestern von Baal und Aschera. Nachdem Elijas Opfer von Gott angenommen wurde, erkannte das Volk den wahren Gott und tötete auf Weisung Elijas die Baalsanhänger. Daraufhin endete die Dürre und es begann zu regnen. Wie immer beschließen wir die Andacht mit Gebet und Gesang.

Mit einem Lied auf den Lippen verlassen wir das vom Kirchengelände. Und dann beginnt das große Schweigen. Karsten hat uns auferlegt, die nächste Zeit den Weg alleine für uns und schweigend zu beschreiten. Wir sollen dabei unsere Sinne schärfen und versuchen, uns auf unsere Wahrnehmungen zu fokussieren. Dabei laufen wir durch Schornsheim, unter anderem am kunstvollen Liboa-Brunnen sowie der evangelischen und katholischen Kirche vorbei. Bei letzterer finden wir erneut einen Pilgerstempel in einem Kästchen. Es geht nun kreuz und quer durch Weinfelder, bis wir schließlich durch einen Hohlweg nach Gabsheim gelangen. An der katholischen Kirche dürfen wir das Schweigen beenden. Wir befinden uns hier am geografischen Mittelpunkt von Rheinhessen und haben zehn Kilometer absolviert. Im Schatten der Kirche gönnen wir uns eine kurze Rast, bevor es nach Bechtolsheim weitergeht. Dort stehen wir erneut vor einer verschlossenen Kirche, die von beiden Konfessionen gemeinsam genutzt wird. Am Portal werden wir darauf hingewiesen, dass die Gemeinden ihre Kirche nicht als Museum verstehen und sie deshalb nur zu den Gottesdienstzeiten oder nach vorheriger Anmeldung geöffnet sei. Damit sind wir als Pilger allerdings nicht ganz einverstanden und hinterlassen unseren Unmut auf kleinen Zetteln.

Vor uns tut sich nun der Petersberg auf, eine der höchsten Erhebungen in Rheinhessen. Von oben haben wir einen traumhaften Ausblick auf die Umgebung. Wir steigen den Berg herab und sind kurz darauf in Gau-Odernheim, wo wir einen Eis-Salon erstürmen und uns eine kleine Belohnung gönnen. Zwei Ecken weiter sind wir an der Simultankirche und finden auch das Kästchen mit dem Pilgerstempel. Leider fehlt das Stempelkissen. Karsten und ich nehmen uns den Stempel und gehen in ein nahe gelegenes Restaurant, wo uns der Wirt mit einem Stempelkissen aushilft. Kurz darauf lassen wir auch Gau-Köngernheim hinter uns und laufen auf einem Fahrradweg nach Framersheim. Dort haben wir die Alternativroute komplett absolviert und pilgern auf dem Hauptweg weiter. Am Sportplatz werden wir von den beiden Pfarrhelfern zur Mittagsrast erwartet, die wir auch ausgiebig genießen. In der nächsten dreiviertel Stunde sammeln wir neue Kräfte. Die haben wir auch dringend nötig, denn vor uns erhebt sich der Kloppberg mit unzähligen Windrädern. Es dauert seine Zeit, bis wir auf dem Gipfel sind. Zum Glück geht es jetzt ein längeres Stück abwärts. Unterwegs machen wir am Weinkastell Halt. Jörg überredet die beiden Bedienungen, uns bereits vor der Öffnungszeit mit einer Weinschorle zu erfreuen. Diese unvorhergesehene Erfrischung tut gut. Über Dittelsheim-Hessloch mit der evangelischen Kirche und ihrem Sarazenenturm wandern wir durch weitläufiges Ackerland und verlassen kurz vor Westhofen den markierten Weg. Müde und erschöpft erreichen wir unsere Unterkunft und lassen den Abend bei zünftigem Essen und verschiedenen Weinen ausklingen.