Von Dittelsheim-Heßloch nach Worms (22. Oktober 2010)

Heute müssen wir etwas früher aufstehen, damit wir den Bus nach Dittelsheim erreichen. So sind wir auch die Ersten, die sich auf das Frühstücksbüffet stürzen wollen. Auch hier in der Jugendherberge in Worms bekommen wir eine gute Auswahl serviert. Anschließend verpacken wir unsere Sachen und bringen alles zum Auto, das wir gestern in einem Parkhaus abstellen mussten. Die mitten in der Stadt gelegene Herberge hat nur eine begrenzte Anzahl an Stellplätzen. Es war im Vorfeld nicht ganz einfach gewesen, für eine Nacht eine Unterkunft zu bekommen, dazu noch zu einem einigermaßen vertretbaren Preis. Da fehlt es hier noch deutlich an besonderen Angeboten für Pilger. Also nutzen wir die umliegenden Jugendherbergen, mit dem Nachteil, dass wir zwischen den Etappenorten mit Auto, Bahn und Bus pendeln müssen.

Vom Parkhaus laufen wir mit unseren Rücksäcken cirka fünfzehn Minuten bis zum Bahnhof. Dort angekommen, verbleibt uns noch viel Zeit bis zur Abfahrt des Busses. Wir nutzen diesen Umstand aus, um in einem Supermarkt etwas Verpflegung für unterwegs zu besorgen. Der Bus kommt schließlich einige Minuten später, als geplant. Und wir haben Glück, denn das gestern gekaufte Tagesticket ist für die Fahrt nach Dittelsheim gültig. Kurz nach zehn Uhr steigen wir dort vor der evangelischen Kirche aus dem Bus. Leider haben wir keine Möglichkeit, einen Stempel zu bekommen. An der Kirche finden wir keinen und das gegenüberliegende Pfarramt hat heute geschlossen. Also machen wir uns auf den Weg, der erste Untergrund ist wieder einmal Wiese. Wir gehen in einem großen Bogen aus Dittelsheim heraus und werden erneut auf beiden Seiten von Weinreben begleitet. Es ist heute Morgen im Vergleich zu gestern recht kühl und die Sonne kann sich nicht so recht gegenüber der Wolkendecke durchsetzen. Plötzlich geht vor einer Anhöhe in unserer unmittelbaren Nähe eine Selbstschussanlage los. Die findet man hier in der Region in den Weinbergen und Feldern, um Vögel zu vertreiben. Nun überqueren wir die Landesstraße 425 und durchlaufen den historischen Galgengrund. Wir passieren auf dem Betonweg einen kleinen See voller Regenwasser. In diesem Augenblick fahren zwei Traktoren an uns vorbei, aber bis auf ein paar kleine Matschspritzer nehmen wir keinen Schaden. In der nächsten Stunde verändert sich unsere Umgebung kaum. Der Jakobsweg verläuft hier über endlose Geraden. Zu beiden Seiten finden wir neben Wein und Rüben alternativ auch einmal Felder, auf denen Sonnenblumen angebaut werden. Leider ist der ausgeschilderte Weg auf dieser Etappe so ausgewählt, dass fast alle Ortschaften mehr oder weniger gemieden werden. Es gibt zwar Ortsschleifen nach Bechtheim, West- und Osthofen sowie Abenheim, aber die bedeuten natürlich zusätzliche Kilometer. Ich persönlich fände es schöner, wenn diese Ortschaften mit ihren Sehenswürdigkeiten in den Weg direkt eingebunden wären.

Auf der Passage in Richtung Abenheim erleben wir ein seltenes Naturschauspiel. Hier scheinen sich tausende Zugvögel zu sammeln, um gemeinsam nach Süden zu ziehen. Sie färben dabei den Himmel und einen Acker mit unzähligen schwarzen Punkten ein. Hier beginnen auch wieder dichte Weinberge, die wir in der letzten Stunde schon beinahe vermisst haben. Die Rebstöcke sind noch reichlich mit Trauben bestückt. Daher nutzen wir diese wohl letzte Gelegenheit, von den Früchten zu kosten. Sie sind je nach Rebsorte im Geschmack sehr unterschiedlich, von zuckersüß bis süß mit säuerlicher Note bis zu herbsüß. Man kann erahnen, wie vielseitig die daraus entstehenden Weine sein werden. Kurz vor der St. Anna-Kappelle vor Herrnsheim nehmen wir den falschen Abzweig, zumindest sehen wir keinen Wegweiser mehr und folgen einfach dem eingeschlagenen Weg. So kreuzen wir vor dem Ort die Kreisstraße 18 und gelangen auf einen Fuß- und Radweg. Hier führte in vergangenen Tagen eine Bahnlinie her, der aufgeschüttete Damm lässt es jedenfalls erahnen. Als Ergebnis dieses Abstechers, der glücklicherweise keinen Umweg darstellt, laufen wir nicht, wie eigentlich gedacht, durch den Park des Herrnsheimer Schlosses. Dieses erreichen wir erst mittels einer Schleife durch den Ort. Am Rathaus hängt ein interessanter Hinweis für Pilger: den Pilgerstempel bekommt man seit Mai des Jahres in der Orangerie des Schlosses. Die hat natürlich heute geschlossen. Umso überraschter sind wir, als wir feststellen, dass die katholische Pfarrkirche St. Peter geöffnet ist. Deren Besuch lohnt sich wirklich, sie ist wunderbar ausgestaltet und strahlt sehr viel Ruhe aus. Hier sammele ich kurz meine Gedanken und gehe etwas in mich.

Das letzte Stück des Jakobsweges Rheinhessen verläuft auf dem besagten Fuß- und Radweg, den wir bis zum Ende im Wormser Stadtteil Neuhausen nicht mehr verlassen. Dort unterqueren wir einige Bahnlinien, lassen einen Bach mittels einer Brücke hinter uns und gehen durch ein etwas schmuddeliges Wohngebiet. Es gibt nun kaum noch Wegweiser, wir orientieren uns anhand der Karte und laufen einmal quer durch Worms. Kurz nach 16 Uhr stehen wir dann vor dem Dom St. Peter. Hier bekommen wir sogar noch einen Stempel. Wir lassen die umwerfende Räumlichkeit des Gotteshauses auf uns wirken. Einige Minuten der Ruhe, ich lasse die vergangenen Tage mit meiner Familie auf dem Jakobsweg etwas sacken. Dazu gehört ein Dankgebet, dass wir die drei Tage gesund und ohne Blessuren überstanden haben. Dann wollen wir aber doch nach Hause. Noch ein paar Meter sind es bis zum Parkhaus, in dem unser Auto steht. Schuhe wechseln, einpacken, wegfahren. Nicht ganz eine Stunde später sind wir wieder in Koblenz und freuen uns auf eine heiße Badewanne.