Von Appenheim nach Wörrstadt (20. Oktober 2010)

Gegen fünf Uhr wache ich auf, kurz darauf auch meine Frau Susanne. Es plätschert laut gegen das Schlafzimmerfenster. Wir wollen heute mit unserem Sohn Christian für drei Tage auf dem Jakobsweg Rheinhessen pilgern. Richtig gutes Wetter ist nicht angekündigt und so machen wir uns schon mal Gedanken für eine Alternative. Bis wir dann aber um 7.30 Uhr unser Gepäck im Auto verstaut haben und von zu Hause losfahren, nieselt es nur noch. Wir erreichen problemlos unseren Startort Bingen und stellen in der Nähe des Bahnhofs unser Auto ab. Der Parkplatz kostet uns für den ganzen Tag nur drei Euro. Um 8.58 Uhr fährt unser Zug, der uns bis nach Gau-Algesheim bringt. Dort müssen wir eine halbe Stunde warten, bis der Bus nach Appenheim an der Haltestelle auftaucht. In Appenheim haben wir am 2. Mai dieses Jahres unser erstes Teilstück in Rheinhessen anlässlich des Pilgerfestes absolviert. Und hier steigen wir heute wieder ein.

Zunächst laufen wir über einen Wiesenweg, an dessen Ende uns ein Wegweiser nach links führt. Wir folgen einem betonierten Wirtschaftsweg durch die Weinberge, es geht allmählich bergauf. Wenn wir uns umdrehen, haben wir einen schönen Blick auf Appenheim. Am Horizont erkennen wir das Rheintal mit den Rüdesheimer Weinlagen, die von der Sonne angestrahlt werden. Über uns zieht sich eine dunkle Wolkendecke zusammen und vereinzelte Regentropfen fallen herab. Jedoch wird vor uns das triste Grau von einen schwachen Regenbogen durchbrochen. Wir haben nun den Anstieg hinter uns und erkennen, dass wir einen großen Bogen laufen. Der Weg zieht sich weiter über Betonplatten zwischen den Reben hindurch. Nur wenige rote und weiße Trauben hängen noch an den Rebstöcken. Die werden wohl für die noch zu erwartenden besonderen Lesen aufgehoben. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht den Abzweig in ein Waldstück verpassen, es soll zudem das einzige auf dem Jakobsweg Rheinhessen sein. Zur Abwechslung laufen wir hier auf unzähligen bunten Blättern, die dem Herbst zum Opfer gefallen sind und sich von ihren Bäumen trennen mussten. Auf diesem Abschnitt besteht die Möglichkeit, an verschiedenen Stationen zu verweilen und in sich zu gehen. An einigen Bäumen sind laminierte Bilder mit jeweils einem Spruch zum Nachdenken befestigt.

Am Ende des Waldes erreichen wir die Sportanlage von Ober-Hilbersheim und durchqueren den Ort. Vor der katholischen Pfarrkirche St. Josef hängt eine Box, in der sich der Pilgerstempel befindet. Leider ist die Kirche selbst nicht geöffnet und wir gehen weiter. Auch die evangelische Kirche ist verschlossen. Am dahinter liegenden Gemeindehaus machen wir unsere Mittagsrast. Christian sammelt eifrig Walnüsse, die wir in einer Frischhaltedose verstauen. Die Kirchturmuhr schlägt in dem Moment zum zwölften Mal, als wir uns wieder in Bewegung setzen. Wir laufen ein kurzes Stück an der Landesstraße 415 entlang und biegen hinter einer Scheune auf einen betonierten Feldweg. Der zieht sich schnurgerade cirka einen Kilometer durch Rübenfelder hindurch. Teilweise sind die Felder schon abgeerntet und die Rüben türmen sich mannshoch. Der Weg selbst ist durch Erntefahrzeuge  ziemlich matschig geworden. Das Gewicht unserer Schuhe nimmt von Schritt zu Schritt zu.

Wir kreuzen die Kreisstraße 15 und haben erneut ein ähnliches Stück Weg vor uns wie gerade zuvor. Kurz vor Wolfsheim beginnt es wieder zu tröpfeln. Schnell den Regenschirm aufgespannt, denn am Ortseingang hängt ein unscheinbarer weißer Briefkasten, der den nächsten Pilgerstempel beinhaltet. Nachdem alle Pilgerpässe im Trockenen gestempelt sind, gehen wir weiter. Der stärker werdende Regen kommt von hinten und durchnässt unsere Hosen bis auf die Haut. Zum Glück hört es bald auf und es dauert auch nicht lange, dann sind die Hosen trotz einer Außentemperatur von nur cirka sechs Grad wieder trocken. Nun bewegen wir uns unterhalb des SWR-Sendemastes  erneut zwischen Weinlagen und erreichen kurz darauf das Örtchen Vendersheim. Vor der verschlossenen evangelischen Kirche hängt wieder ein Briefkasten, und dieses Mal ist es auch einer. Ein freundlicher Autofahrer weist uns auf die Stempelstelle an der katholischen St. Martins-Kirche hin, die nur fünfzig Meter weiter in der gleichen die Straße liegt. An einem Zaun hängt ein blauer Kasten, darin der Stempel. Nach zwei Straßenecken verlassen wir schon wieder Vendersheim und befinden uns mitten im Weinberg.

Wir laufen an einer Kläranlage vorbei und am Wegesrand sind die Reste der gepressten Trauben abgelegt. Diese versprühen einen betörenden Geruch, die Gärung hat eingesetzt. Nun haben wir einen längeren Anstieg vor uns, der aber bald überwunden ist. Jetzt überrascht uns sogar die Sonne ein wenig, alles sieht mit ihr doch wesentlich freundlicher aus als ohne. Von unseren Standort können wir bereits Sulzheim erkennen, den nächsten Ort. An dem langgezogenen Abstieg passieren wir abgeerntete Felder, auf denen Sonnenblumen angebaut wurden. In Sulzheim werden wir mit einem überdimensionalen Pilgermotiv an der Wand eines Weingutes begrüßt. Am Sportplatz verlassen wir den Jakobsweg, um an der Barockkirche St. Philippus und Jakobus einen Stempel zu erhalten. Die Kirche ist, wie anderswo, verschlossen.

Wieder zurück am Sportplatz, sind wir entsetzt: zum einen geht es auf einem Wiesenweg richtig steil aufwärts, zum anderen zieht hinter uns eine weitere Regenfront in unsere Richtung. In einiger Entfernung ist der niederprasselnde Regen zu erkennen. Wir haben gerade noch die Gelegenheit, unseren Regenschutz anzuziehen, da sind wir auch schon fast nass. Das ging ja doch schneller, als wir gedacht haben. Zum Glück hört es kurz darauf wieder auf und wir sind in Wörrstadt. Hier beenden wir unser heutiges Pilgern und fahren mit dem Zug zurück nach Bingen zu unserem Auto. Auf dem Weg zum Parkplatz werden wir noch einmal geduscht. Wir verpacken unsere Ausrüstung schnell und machen uns auf den Weg nach Bad Kreuznach. Dort übernachten wir in der Jugendherberge, in der Bingener Herberge war vor ein paar Wochen bereits alles ausgebucht. Andere Unterkünfte sind für uns drei fast nicht zu bezahlen. Am Abend treffe ich in Bad Kreuznach in der Fußgängerzone Joachim, der im Mai dieses Jahres an unserer Pilgerauszeit an der Lahn mit der evangelischen Militärseelsorge teilgenommen hatte. Die Welt ist eben ein Dorf! Er gibt uns einen guten Tipp und wir werden bei einem Chinesen für kleines Geld richtig gut satt. Wieder zurück in der Jugendherberge schreibe ich noch Tagebuch und um 21.15 Uhr gehen bei uns für heute die Lichter aus.