Von Bingen nach Appenheim (2. Mai 2010)

Das Wetter sollte nicht besonders gut werden, vereinzelt Schauer mit Gewitter ist angekündigt. Trotzdem haben wir geplant, mit der ganzen Familie anlässlich des Pilgerfestes am Jakobsweg Rheinhessen ab Bingen eine kurze Etappe gemeinsam zu pilgern. So machen wir uns auch erst gegen zehn Uhr auf den Weg, es sind rund fünfundsiebzig Kilometer bis Bingen, zum Glück fast nur Autobahn. Eine gute dreiviertel Stunde später parken wir unser Auto auf einem großen Parkplatz an der Nahe. Von dort sind es nur wenige hundert Meter bis zur Tourist-Info. Dort besorge ich für uns drei jeweils einen Pilgerausweis, den ersten Stempel erhalten wir sofort. Leider ist der Pilgerausweis auf glänzendes Papier gedruckt und die Stempel verschmieren oder hinterlassen auf der gegenüberliegenden Seite einen spiegelverkehrten Abdruck. Bei den nächsten Stempelstellen werde ich zum Schutz ein Stück Papier dazwischen legen müssen.

Um den Wegverlauf bereits im Vorfeld kennen zu lernen, habe ich mir vor einiger Zeit den Pilgerführer von Dr. Christiane Halfmann besorgt. Wir laufen durch die Binger Innenstadt, dann hinauf zur Burg Klopp, in der sich heute die Stadtverwaltung befindet. Ursprünglich wurde die Burg wohl im 13. Jahrhundert erbaut, im Dreißigjährigen Krieg zerstört und im 17. Jahrhundert innerhalb weniger Jahrzehnte neu errichtet, um im Pfälzischen Erbfolgekrieg wiederum zerstört zu werden. Im Rahmen der Rheinromantik im 19. Jahrhundert erhielt die Burg ihre heutige Gestalt. Am Portal des Turmes befindet sich ein Kästchen mit einem weiteren Stempel, es ist aber der gleiche, wie wir ihn bereits in der Tourist-Info bekommen haben. Wir genießen ein paar Augenblicke die herrliche Aussicht auf die Stadt, den Rhein mit dem Mäuseturm und auch das Niederwald-Denkmal auf der anderen Flussseite. Es ist ein wenig grau und trüb, die Temperaturen sind angenehm. Wir verlassen die Burg durch das Burgtor und biegen nach links in die „Maria-Hilf-Straße“ ein. An der nächsten Kreuzung geht es nach rechts in die Rochusallee. Dort passieren wir zunächst die Fachhochschule und kurz darauf den alten Friedhof aus dem 19. Jahrhundert mit seinen interessanten Grabsteinen. Die Allee führt uns nun allmählich in höhere Regionen, vorbei an zahlreichen Bildstöcken mit Heiligenfiguren, unter anderem auch eine von Jakobus dem Älteren.

Ein paar wenige Schritte weiter haben wir noch einmal einen großartigen Blick auf das Niederwald-Denkmal und Rüdesheim. Eine kleine Kapelle liegt direkt an der Straße, die uns schließlich zum Mutterhaus der Kreuzschwestern auf dem Rochusberg führt. Wir biegen nach links ab in den Kastanienweg und gelangen zum Hildegard-Forum. Hier bekomme ich für unsere Pilgerausweise einen weiteren Stempel, der jedoch identisch mit den beiden Stempeln aus Bingen ist. Am Ende des Weges befindet sich die Rochuskapelle, der wir natürlich auch einen Besuch abstatten. Nach einer kurzen Mittagsrast machen wir uns auf den weiteren Weg entlang an Weinbergen, die von blühendem Löwenzahn durchsetzt sind. Nach einem Weintor geht es zunächst ein längeres Stück über den Rochusweg abwärts, auf dem uns einige angestrengt aussehende Läufer begegnen. Hier haben wir auch noch einmal eine schöne Aussicht auf die Kapelle. Der bisher zumeist asphaltierte Weg überquert die Bundesstraße 9, die Autobahn 60 sowie eine Bahntrasse und wird zu einem Feldweg.

Wir werden ständig von kleinen Gruppen von Fahrradfahrern überholt und erreichen kurz darauf den Ortseingang von Ockenheim. Dort werden wir mittels eines Hinweisschildes über den Jakobsweg Rheinhessen und die örtlichen Gegebenheiten wie zum Beispiel den Stempelstellen informiert. Über die „Gaulsheimer Straße“ gehen wir zum Zentrum und zur katholischen Pfarrkirche St. Peter und Paul aus dem 18. Jahrhundert. Dort hätten wir jetzt den Pilgerstempel erwartet, finden aber keinen. Also heißt es ein paar Meter zurückgehen zum Hotel Restaurant Ockenheim, wo wir ihn schließlich erhalten. Über die „Bahnhofstraße“ und die „Mainzer Straße“ folgen wir den Muschelwegweisern, die uns nun wieder aufwärts zum Kloster Jakobsberg führen. Bereits nach einigen Höhenmetern beginnt es fürchterlich zu regnen, wir ziehen uns, sofern verfügbar, Regenkleidung an und erklimmen weiter den Berg. Inzwischen zieht ein Gewitter immer näher in unsere Richtung, sodass wir uns beeilen, schnell den Jakobsberg zu erreichen. Wir nutzen die Abkürzung über die Treppenstufen und erreichen dahinter direkt die Kapelle zu Ehren der vierzehn Nothelfer aus dem 19. Jahrhundert. Ich gehe nur kurz in die Kapelle, um sie mir anzuschauen, doch beginnen dort bereits die Vorbereitungen zu einer Taufe. Unweit der Kapelle befindet sich eine Überdachung, unter der ein steinerner Altar steht, vermutlich für Gottesdienste im Freien. Hier stellen wir uns unter und legen anbetracht des Regens eine kleine Brotzeit ein. Kurze Zeit später gesellt sich eine weitere Gruppe dazu.

An der Klosterpforte erhalte ich für unsere Pilgerausweise einen weiteren Stempel. Endlich hört es auf zu regnen, das Gewitter ist auch vorbeigezogen, wir können weitergehen. Unser nächstes Ziel ist der Weiler Laurenziberg. Schon von weitem sieht man die dortige Kapelle, umgeben von blühenden Kirschbäumen und gelben Rapsfeldern. Im Rahmen des Pilgerfestes werden am Nachmittag Führungen durch die Kapelle angeboten. Im Feuerwehrgerätehaus, eher eine etwas größere Garage, wird für die Pilger Kaffee und Kuchen angeboten. Hier stärken wir uns und bekommen obendrein noch einen Pilgerstempel. Ich fülle noch einen Fragebogen eines Studenten der Mainzer Universität zum Thema „Jakobsweg Rheinhessen“ aus. Die kurze Pause tut uns gut und wir laufen weiter durch Felder und Wiesen, vorbei an Pferden, Rindern und Schafen. Es riecht ein wenig streng, ungewohnt für uns Stadtmenschen, aber irgendwie doch nach Natur. Wir folgen einem langgezogenen Feldweg bis zur Landesstraße 415. Dort entdecken wir Felder mit grünem und weißem Spargel und ich male mir schon aus, was ich in den nächsten Tagen unbedingt auf einem Teller vor mir haben möchte.

Wir kreuzen die Straße und wenden uns anscheinend von dem vor uns liegenden Appenheim ab, werden dann aber bald wieder nach rechts auf den Ort zu geleitet. Nun sind es nur noch ein paar Schritte bis zu unserem heutigen Tagesziel. In einer am Wegesrand liegenden ehemaligen Mühle, die zu einer Weinstube umfunktioniert wurde, bekommen wir unseren letzten Stempel für heute. Zwei Ecken weiter finden wir die Bushaltestelle, von der wir zurück nach Bingen fahren wollen. Am Sonntagnachmittag verkehren nur zwei Busse im Abstand von zwei Stunden, den ersten werden wir mit Leichtigkeit bekommen, wir müssen sogar noch eine gute halbe Stunde warten. Von der gegenüberliegenden Straßenseite machen wir noch ein gemeinsames Photo mit Selbstauslöser, das dann im fünften Versuch endlich so gelingt, wie wir uns das vorgestellt haben. Der Bus kommt pünktlich und bringt uns nach Gau-Algesheim. Dort überqueren wir zwei Straßen und befinden uns schon am Bahnhof. Kurz darauf sitzen wir im Zug und verlassen diesen erst am Stadtbahnhof von Bingen. Da am Himmel immer mehr dunkle Wolken aufziehen, beeilen wir uns, zum Parkplatz zu gehen. Für ein leckeres Eis bleibt aber noch Zeit. Die letzten Meter bis zum Auto schaffen wir allerdings nicht mehr ganz trocken. Über uns ergießt sich ein starker Regen. Egal, es war ein schöner Tag, der Lust auf mehr in dieser Region gemacht hat, der Jakobsweg Rheinhessen hat noch einige Etappen zu bieten.