Von Gau-Algesheim nach Saulheim (10. Mai 2011)

In der Nacht habe ich nicht gut geschlafen. Unser Zimmer liegt an einer Straße, und das hat sich bemerkbar gemacht. Ich bin bereits um 6:30 Uhr hellwach und kann es kaum erwarten, aufzustehen. Schließlich ist es doch an der Zeit, den Tag vorzubereiten. Ich packe den Rucksack, die gewaschenen Kleidungsstücke sind alle sehr gut getrocknet. Das Frühstück ist gut und reichhaltig. Um 9:00 Uhr stehen alle vor dem Hotel, bereit zum Abmarsch. Wir laufen zunächst am Welzbach entlang und treffen bald wieder auf den Hauptweg. Kurz darauf passieren wir eine Grillhütte, an der wir unsere Morgenandacht halten werden.

Alexander erzählt uns die Geschichte vom Propheten Elija. Dieser lebte zu Zeiten des Königs Ahab und sagte eine große Dürre voraus, da das Volk sich den Göttern Baal und Aschera zugewandt hatte. Elija wanderte in dieser Zeit der Not jenseits des Jordans und wurde von Raben ernährt. Als die Dürre auch diesen Landstrich erreichte, wanderte er weiter und kam bei einer sehr armen Witwe und ihrem Kind unter. Diese bewirtete ihn mit ihrer letzten Ration Öl und Mehl, doch durch Gottes Gnade versiegten die Vorräte nicht. Plötzlich starb das Kind und Elija ging auf Konfrontationskurs zu Gott. Er warf ihm vor, dass der Witwe, die sich aufopferungsvoll um ihn kümmerte, mit dem Tod ihres Kindes nun ein noch größeres Elend widerfahre. Schließlich erhielt das Kind durch Gottes Gnade sein Leben zurück. Gebet und Gesang runden wie immer die Andacht ab.

02Schon bald befinden wir uns wieder auf dem Weg. Kurz vor Appenheim kommen wir an einer alten Mühle vorbei, wo es den örtlichen Stempel gibt. Jörg und ich walten wiederum unseres Amtes und treffen im Gastraum den Eigentümer an, der uns sehr gerne den Stempel gibt. Er lässt es sich nicht nehmen, eigenhändig den Besuch der Mühle mit dem Datum in den Ausweisen zu bestätigen. Als kleines Dankeschön überreiche ich ihm einen der Ausweise. Weiter geht es leicht aufwärts durch die Weinberge. Wir laufen bald durch das einzige geschlossene Waldstück auf dem gesamten Weg. Der Schatten tut gut, auch wenn es noch früh am Morgen ist. Den nächsten Stempel finden wir in einem Kästchen an der katholischen Kirche in Ober-Hilbersheim. Während Jörg und ich unsere Arbeit tun, fragen die anderen im Pfarrbüro nach dem Schlüssel für die Kirche. Wir haben Glück und die Pfarrsekretärin öffnet uns das Gotteshaus. Das Bemühen hat sich gelohnt, wir befinden uns in einer wunderschönen Kirche. Beim Verlassen tragen wir uns noch im ausliegenden Gästebuch ein.

Nun geht es quer durch großflächiges Ackerland bis kurz vor Wolfsheim. Hier werden wir schon von Jörg (B.) und einem Mittagsimbiss erwartet. Kurze Zeit später stoßen auch Karsten und Holger zu uns. Holger wird Jörg (B.) bei der Versorgung der Pilgergruppe unterstützen. Wir sind jetzt ausgeruht und es wird Zeit, das letzte Stück anzugehen. Allerdings sind die Wegbeschreibung im Pilgerführer und die Ausschilderung nach Partenheim etwas undeutlich. Die Folge ist ein kleiner Umweg. An der verschlossenen evangelischen Kirche verweilen wir einen Augenblick. Alexander hat sich eine Blase gelaufen, die versorgt werden muss. Leider können wir hier dem Ausweis keinen weiteren Stempel hinzufügen, da der Aufbewahrungsbehälter an der katholischen Kirche bis auf ein Stempelkissen und eine Kette leer ist. Wohl noch von der gestrigen Einkehr im Weingut angetan, wird nun der Ruf nach einer Weinschorle laut. Wir finden eine Weinstube, in der wir unserem neuen Hobby frönen können. Nachdem der letzte Tropfen die Kehle heruntergeronnen ist, geht es schließlich doch weiter. Wir befinden uns auf einem biblischen Weinlehrpfad. Hier erfahren wir Wissenswertes über Wein, aber vor allem über Geschichten aus der Bibel, in denen Wein eine wichtige Rolle spielt. Schon bald darauf erreichen wir Saulheim, unser heutiges Tagesziel. Nach der Zimmerverteilung läuft bei mir das gleiche Ritual wie am Vorabend ab: duschen, Füße und Schuhe versorgen, waschen. Nach einem kurzen Ruhen machen Jörg und ich uns auf den Weg zum Saulheimer Grillplatz.

Dort sind Jörg (B.) und Holger schon fleißig dabei, uns einen schönen Abend zu bieten. Zunächst gestaltet Karsten noch die Abendandacht. Dazu fordert er uns auf, die Augen zu schließen, während er uns „Fields of Gold“ in der wunderschönen Version von Eva Cassidy vorspielt. Wir sollen uns fallen lassen und auf die Bilder achten, die wir dabei sehen werden. Es wird eine tiefsinnige Übung. Die glasklare Stimme der Sängerin in Verbindung mit einem Vogelchor in der unmittelbaren Umgebung der Grillhütte lassen mich aus der Gegenwart ausklinken. Vor mir zeichnen sich die grünen Weinberge ab, durch die wir heute gepilgert sind und bilden zusammen mit der Musik eine zauberhafte Atmosphäre. Das Ende des Liedes holt mich brutal in die Wirklichkeit zurück. Karsten geht auf die Rolle des Weinberges in der Bibel ein, der die Liebe Gottes zu den Menschen symbolisiert. Hierfür soll man dankbar sein und diese Liebe weitergeben, nicht wie Elija, der Forderungen stellt und auf Konfrontation aus ist. Wir beenden den Abend mit Gutem vom Grill und leckeren Salaten, die Jörgs Mutter gemacht hat. Ein guter Tropfen Wein gehört natürlich auch dazu.