Von St. Goarshausen nach Lorch (14. Dezember 2010)
Lange habe ich überlegt, ob ich mir noch einmal für einen Tag in diesem Jahr den (kleinen) Rucksack aufschnalle und eine Etappe auf einem Pilgerweg absolviere. Mitten in den Überlegungen erreichte mich eine Sendung mit der Post. Inhalt: ein Kalender für das Jahr 2011, erstellt vom Internet-Forum „Jakobus-Peregrino“. Der Kalender ist sehr gut gelungen, enthält unzählige Bilder von Forumsmitgliedern und hat mich derart motiviert, dass die Entscheidung schnell gefällt war. Da ich bereits meinen Weihnachtsurlaub geplant hatte, wählte ich den 14. Dezember aus. Es sollte die Fortsetzung des Rhein-Caminos von St. Goarshausen nach Kaub werden. Wie immer begebe ich mich auf die ersten zwei Kilometer abwärts zum Bahnhof. Dort fährt mein Zug um 7:23 Uhr auf die andere Rheinseite zum Beginn der heutigen Etappe. Eine gute halbe Stunde später verlasse ich den Zug und besorge mir in einem naheliegenden Supermarkt Getränke und Verpflegung für den Tag. Bevor es richtig losgeht, gehe ich zum katholischen Pfarramt, um einen Stempel für den Pilgerausweis zu erhalten. Dort treffe ich unter anderem den ehemaligen Jugendpfarrer Königstein aus Lahnstein (das ist aber auch schon bestimmt dreißig Jahre her), der jetzt hier seit einiger Zeit als Gemeindepfarrer ansässig ist.
Wieder zurück am Bahnhof angelangt, finde ich rasch den mit der Muschel markierten Weg. Es geht direkt in die Höhe, mal mehr, mal weniger intensiv. Nach einem kurzen Stück schaut mir ein Reh in die Augen, verschwindet dann aber schnell in einem Hang und ich verliere es aus dem Blickfeld. Der Boden ist mit einer mittleren Schneedecke versehen, in der die Spuren von anderen Menschen sichtbar werden, die schon vor mir hier unterwegs waren. Leider war in St. Goarshausen die Kirche noch verschlossen, so nutze ich den Aufstieg nach Patersberg, um für einen schönen und sorgenfreien Tag zu beten. Das Dorf ist noch verschlafen, keine Menschenseele auf der Straße. Die Kirche ist verschlossen, daneben reihen sich hübsch kleine Fachwerkhäuser aneinander. Ich finde den ausgeschilderten Weg und laufe einfach stur geradeaus. Ein Hinweisschild mit mir unbekannten, nicht an meinem Weg liegenden Örtlichkeiten, lässt mich aufmerksam werden. Ein Blick in die Wanderkarte zeigt mir, dass ich falsch bin. Zum Glück ist es nur ein kurzes Stück, das ich zurückgehen muss. Ich folge nun einer Straße, die sich in fünf Haarnadelkurven ins Tal zu einer Hauptstraße schlängelt. Auf der gegenüberliegenden Seite geht es über ein paar Treppenstufen scharf links direkt in einen Hang hinein. Auf einer sehr kurzen Strecke steigt der Weg jetzt bis zum St. Goarshausener Stadtteil Heide an. Begrüßt werde ich durch zwei aggressiv bellende Hunde, die zum Glück hinter einem Maschendrahtzaun gefangen sind.
Für den nächsten Wegabschnitt benötige ich wieder die Karte, um mich zu orientieren. Ich durchquere ein kleines Waldstück und laufe dann unterhalb desselbigen. Von hier aus kann ich das Besucherzentrum und die Freilichtbühne der Loreley erkennen. Jetzt kommt zwischen dem grauen Wolkenschleier auch einmal die Sonne hervor. Ich spüre ihre angenehme Kraft im Gesicht, doch im nächsten Moment sorgt ein kalter Wind für ein Frösteln. Plötzlich verliert mein linker Fuß den Halt auf dem Boden, ich kann mich gerade noch abfangen und einen Sturz verhindern. Unter dem Schnee befinden sich immer öfter kleine gefährliche Eisflächen. In den nächsten Minuten kommt es immer wieder vor, dass ich ins Rutschen gerate. Daher versuche ich nun, durch etwas tieferen Schnee am Wegesrand zu laufen, eine gute Entscheidung. Ich laufe nun parallel zur Loreley-Burgen-Straße, die ich am nächsten Feldweg aber verlasse. Der Feldweg führt mich durch gefrorene Ackerflächen. Beim Betrachten des Bodens entdecke ich immer mehr Löcher, die durch schmale Kanäle miteinander verbunden sind. Beim genaueren Hinsehen erkenne ich kleine Spuren, die auf Mäuse schließen lassen. Just bei diesem Gedanken blinzeln mich aus einem solchen Loch zwei dunkle Augen an. Toll, was für Spuren im Schnee hinterlassen werden, die man sonst nicht sehen kann.
Kurz darauf erreiche ich das Dörfchen Bornich. Hier muss ich wiederum sehr gut aufpassen, wo ich hintrete. Nur ganz wenige Flächen sind von Schnee und Eis befreit, es besteht akute Rutschgefahr. Schon früh wird man auf die evangelische Kirche hingewiesen, die dem Symbol nach anscheinend geöffnet ist. Ich bin erleichtert, dass dem auch tatsächlich so ist. Teile des Gotteshauses stammen aus dem 12. Jahrhundert, ursprünglich als romanische Pfeilerbasilika erbaut. Im 16. Jahrhundert erfolgte ein Neubau, im 18. Jahrhundert wurden im barocken Stil eine Stuckdecke und eine hölzerne Empore eingebaut. Ich entzünde zwei Kerzen und gehe ein paar Minuten in mich. Bevor ich mich wieder auf den Weg begebe, trage ich mich noch in das ausliegende Besucherbuch ein und hinterlasse meinen Pilgerstempel. Weiter geht es über Feldwege leicht aufwärts durch Ackerland. Ich werde begleitet von einem Reh und wahrscheinlich von einem Fuchs, die ihre Spuren im Schnee hinterlassen haben. Es ist schön, Spuren von anderen Lebewesen einmal bewusst wahrzunehmen. Ich erreiche nun mit 359 Metern (gestartet bin ich bei 79 Metern) den höchsten Punkt der heutigen Etappe. Von da geht es abwärts nach Dörscheid. Die dortige evangelische Kirche ist leider verschlossen, also halte ich mich auch nicht länger als nötig auf. Nach Orientierung per Karte finde ich den richtigen Weg und laufe zunächst durch einen kleinen Wald, danach durch das Naturschutzgebiet Dörscheider Heide.
Von hier aus habe ich einen wunderschönen Blick in das Rheintal auf Oberwesel. Die Sonne strahlt die Liebfrauenkirche so intensiv an, dass sie in einem intensiven Rotton leuchtet. Ich folge nun einem schmalen Pfad, der oberhalb eines Steilhanges herführt, aber bald in einen asphaltierten Wirtschaftweg in den Weinbergen mündet. Am Rande steht eine überlebensgroße Holzfigur, daneben hängt ein Holzschränkchen. Darin bietet laut einem angeschlagenen Hinweis zu anderen Zeiten ein Winzer Wanderern gegen einen Obolus Wein zum Kauf an. Leider ist das Schränkchen leer. Dafür entschädigt die wunderbare Aussicht auf Kaub und die Burg Pfalzgrafenstein mitten im Hochwasser führenden Strom. Wieso eigentlich bin ich schon in Kaub? Ich habe gerade knapp 15 Kilometer hinter mir. Ein Entschluss ist schnell gefasst, ich gehe weiter bis nach Lorch. Vorher schaue ich mir jedoch die beiden Kirchen in Kaub an. Zunächst betrete ich die katholische St. Nikolaus-Kirche, direkt nebenan ist die evangelische St. Trinitatis-Kirche. Ursprünglich waren beide Kirchen Bestandteil eines einzigen Baues, dessen ältesten Teile aus dem 12. Jahrhundert stammen. Mit Einführung der Reformation wurden nur noch protestantische Gottesdienste gefeiert. Nach Wiedergründung einer katholischen Gemeinde im späten 17. Jahrhundert nutzen beide Gemeinden die Kirche für einen Zeitraum von zwanzig Jahren. Dann wurde der Chorbogen zugemauert und es entstanden zwei voneinander unabhängige Kirchen.
Da der Rhein-Camino nur bis Kaub mit dem Muschelsymbol markiert ist, folge ich nunmehr dem Hessenweg 7 und dem Rheingau-Riesling-Wanderweg. Ich durchquere Kaub, mache einen kleinen Abstecher an den Rhein, um die Burg Pfalzgrafenstein aus der Nähe anzuschauen. Hinter dem Bahnhof steigt der Weg auf den nächsten zwei Kilometern wieder beständig an. Es geht jetzt überwiegend durch Mischwald. Der Weg zweigt dann nach rechts ab und führt mich über einen schmalen Pfad einen Hang hinab. Dabei ist der Weg selbst durch den Schnee kaum zu erkennen und ich laufe teilweise querfeldein. Ich überquere einen Bach und befinde mich im Niedertal. Vor mir sehe ich einige Bänke und Tische aus massivem Holz, die zum Rasten einladen. Am Wegesrand befindet sich eine Informationstafel, in die eine Klappe eingebaut ist. Dahinter verbirgt sich ein Wanderbuch, in das ich mich mit meinem Stempel verewige. Überraschenderweise lächelt mich daneben eine fast leere Flasche Jim Beam an. Ob da jemand den Mülleimer verwechselt hat oder ob der Grenzvogt frierenden Wanderern in der kalten Jahreszeit eine Freude machen möchte, kann ich nicht feststellen. An dieser Stelle befindet sich übrigens die Landesgrenze von Rheinland-Pfalz und Hessen. Dies wird optisch durch ein Holztor mit zwei großen Schrifttafeln dargestellt.
Weiter geht über Waldwege, die sich an die natürliche Umgebung des Rheingaus anschmiegen. Ich habe immer wieder mal eine schöne Aussicht auf das Rheintal. Von einem schmiedeeisernen Aussichtstempel oberhalb von Lorchhausen habe ich freie Sicht auf das auf der gegenüber liegenden Rheinseite angesiedelte Bacharach. Dort ragen die imposanten Ruinen der Werner-Kapelle heraus. Hier befindet sich am Wegesrand eine Natursteintafel mit der Aufforderung, ein Gebet zu sprechen. Ich komme diesem Wunsch gerne nach. Nun geht es ein wenig abwärts, ich muss trotzdem immer aufpassen, dass ich nicht in ein Eisloch trete. Am Hang sind einige Arbeiter beschäftigt, eine Mauer aus großen Steinblöcken zu errichten. Der Vorarbeiter eilt sich, mir den Weg mit seinem Bagger freizumachen, er fährt gleich rückwärts ins Tal hinab, um eine neue Ladung Steine zu holen. Im Schnee kann man auf der anderen Seite einen Weg erkennen, der mit Kreuzwegstationen versehen ist und an der Clemens-Kapelle endet. Bis dahin sind es aber noch ein paar Meter. Dabei komme ich an einer kleinen Schafherde vorbei. Die Tiere blöken mich laut an. Eigentlich führt der Weg nicht an der Kapelle vorbei. Ich nehme aber die paar Meter Umweg in Kauf, um wenigstens einen Blick hinein zu werfen. Das geht auch nur durch die Fenster des Portals, das dieses verständlicherweise verschlossen ist.
Nun dauert es nicht mehr allzu lange, dann sollte ich mein Ziel Lorch erreichen. Ich gehe jetzt einen guten Kilometer durch viele aufgegebene Weinberge, eigentlich sollten das gute Lagen sein. Hier befindet sich auch das Naturschutzgebiet „Engweger Kopf und Scheibigkopf“ das auf Höhe der Ruine Nollig (wahrscheinlich ein Rest der ehemaligen Stadtbefestigung aus dem 14. Jahrhundert auf einem Felsrücken oberhalb der Stadt) endet. Hier muss ich über einen steilen Felsenweg ins Tal gehen. Dabei sind mir an einigen Stellen in den Fels getriebene Tritte und Stahlseile eine nützliche Hilfe. Ich lasse mir dabei sehr viel Zeit und erreiche eine kleine Brücke, unter der ich hindurch laufen muss. Dort erwartet mich ein Hohlweg auf blankem Fels oder Steinplatten, die aufgrund des Niveaus öfter mit einer dünnen Eisschicht bedeckt sind. Ich erreiche wohlbehalten die ersten Häuser von Lorch und begebe mich direkt zu der katholischen Pfarrkirche St. Martin. Der Innenraum ist leider durch ein Gitter abgetrennt. Ein Hinweis klärt auf, es ist ein Schutz vor Kirchenräubern, die wohl im Rheingau und auch in Lorch bereits ihr Unwesen getrieben haben. Neben dem Schriftenstand befindet sich jedoch ein Schalter, mit dem man die Kirche für einen kurzen Zeitraum beleuchten kann. Das lasse ich mir auch nicht nehmen. Ich spreche noch ein Dankgebet, dass ich diesen Tag gesund überstanden habe.
Jetzt muss ich mich beeilen, denn mein Zug fährt in einer guten viertel Stunde. Der Bahnhof liegt am anderen Ende von Lorch. Ich besorge mir schnell am Automaten ein Ticket, da fährt der Zug auch schon ein. Das passt ja richtig gut. Eine Stunde später bin ich wieder zu Hause und lege mich zur Entspannung erst einmal in eine heiße Badewanne.











