Von Koblenz nach Kamp-Bornhofen (15. März 2010)
Nach einem langen, kalten und weißen Winter sehne ich endlich den Frühling herbei, um wieder einmal raus auf den Weg zu gehen. Durch erste Pilgerberichte aus dem heiligen compostelanischen Jahr 2010 in diversen Foren im Internet animiert, packe ich mein kleines Bündel für eine Tagesetappe und starte bereits früh morgens um 6.30 Uhr. Heute gehe ich direkt von zu Hause los, auf die erste Etappe des Rhein-Caminos, die mich letztendlich nach Kamp-Bornhofen führen wird. Die ersten sechs Kilometer laufe ich zum eigentlichen Startpunkt der Etappe, der Johanniskirche in Lahnstein. Zunächst geht es leicht bergab unter den Brücken der B327 bis zum Stadion Oberwerth, anschließend wird der Rhein über die Horchheimer Brücke überquert. Es ist feucht-kalt und grau, eigentlich kein schönes Pilgerwetter, aber ich bin ja kein Schönwetter-Pilger. Kaum habe ich die andere Rheinseite erreicht, beginnt es leicht zu regnen. Ich verpacke meinen Rucksack in den Regenschutz und gehe nun durch den Koblenzer Stadtteil Horchheim, dabei passiere ich die katholische Pfarrkirche St. Maximin. Deren Turm stammt noch aus dem späten 16. Jahrhundert, die Kirche selbst wurde mehrfach aus Kapazitätsgründen erneuert, letztmalig zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Der Weg führt nun durch ein noch lebloses Gewerbegebiet von Niederlahnstein und dann an der katholischen Kirche St. Barbara vorbei. Hier habe ich mir bereits vor gut zwei Wochen einen Stempel abgeholt, da das Pfarrbüro zu dieser frühen Stunde noch geschlossen ist. Ein paar Ecken weiter stehe ich vor der Johanniskirche, direkt davor steht der „Santiagostein“ (siehe Bericht Mosel-Camino vom 20.07.2009). Ich überquere die Lahn nach Oberlahnstein und gehe durch die Innenstadt. Dabei komme ich zuerst an der evangelischen (aus dem 19. Jahrhundert) und dann an der katholischen Pfarrkirche St. Martin vorbei. Einige Schritte weiter liegt auf der linken Seite hinter einem alten Brunnen die Hospitalkapelle mit Pilgergrab. Dort biegt der gut markierte Camino rechts zum Rhein ab und verlässt dann an der Martinsburg (erbaut im späten 13. Jahrhundert als Zollburg und Teil der Stadtbefestigung) und chemischen Fabriken entlang die Stadt Lahnstein. Inzwischen hat es wieder aufgehört zu regnen, es ist trotzdem ungemütlich. Es geht nun auf einem asphaltierten Leinpfad am Rheinufer entlang, flankiert von
Kleingärten, später gesellt sich links die jetzt doch gut befahrene B42 dazu. Am Horizont türmt sich hoch oben die Marksburg aus dem 13. Jahrhundert empor, dem Wahrzeichen von Braubach. Die Burg ist die einzige, nie zerstörte mittelalterliche Höhenburg am Mittelrhein. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ragt ein grauer Betonbau empor, der sich kurz darauf als die katholische Pfarrkirche Heilig Geist herausstellt. Mir persönlich gefällt diese Art von Gotteshaus nicht so sehr, aber das ist halt Geschmacksache. In großen Buchstaben prangt im Chorraum das „Vater Unser“ an der Wand, ansonsten ist die Kirche sehr spärlich ausgestaltet und wirkt auf mich sehr kühl. Nichtsdestotrotz erhalte ich beim im Nebengebäude untergebrachten Pfarramt meinen ersten Stempel für heute.
Die Wegemarkierungen führen mich weiter entlang wunderschöner Fachwerkhäuser über die Oberalleestraße, die Brunnenstraße in die Dachsenhauser Straße. Der Zugang zu einem schmalen Pfad wird mir durch ein Absperrgitter verwehrt, das ich aber leicht an der Seite überwinden kann. Wenige hundert Meter weiter liegt vor mir der Grund für die Absperrung, ein umgestürzter Baum, den ich aber oberhalb umgehen kann. Der gemütliche Teil des Tages ist hiermit vorüber, jetzt geht es bergauf. Doch zunächst gelange ich zur 1242 geweihten St. Martins-Kirche, der ältesten Kirche der Stadt. Das Gelände rund um die Kirche wird als Friedhof genutzt. Von hier oben hat man einen herrlichen Ausblick auf das Rheintal. In Serpentinen windet sich der schmale Pfad nun rund einhundert Höhenmeter nach oben bis zu einer Schutzhütte, von der man wiederum einen tollen Blick in das heute leider graue und diesige Tal hat. Kurz darauf werde ich von einem dichten Laufwald aufgesogen, der Weg führt an bizarren Gebilden aus Schiefergestein vorbei. Etwas unterhalb entdecke ich auf einer kleinen Ebene zwei aufgeschichtete Haufen, die sich nach dem Studium einer Hinweistafel als Schauholzkohlenmeiler und eine Köhlerhütte erweisen.
Kurz darauf habe ich das Vergnügen, wiederum über unzählige Serpentinen einige der mühsam erklommen Höhenmeter herabzusteigen. Es geht in ein schmales, aber sehr tief eingeschnittenes Tal, das ich nun ganz umlaufen darf, verbunden mit einem netten Anstieg. Dafür entschädigt an einem Aussichtspunkt ein erneut traumhafter Blick auf den Rhein und das gegenüber liegende Boppard. Weit in der Ferne sind trotz der trüben Witterung noch Koblenz und Lahnstein zu erahnen. Kaum habe diese Stelle hinter mir gelassen, geht es wiederum abwärts, fast bis auf Höhe der B42. Doch ein etwas kleineres Seitental, das natürlich zu durchwandern ist, lässt mich an Höhe gewinnen. Dann wird es etwas schwierig, denn der Weg ist durch umgestürzte Nadelbäume versperrt. Auch hier hat der Orkan Xynthia gewütet. Kurz darauf entdecke ich wieder Zeichen von Zivilisation, auch wenn es nur die Motorsäge eines Waldarbeiters ist. Eigentlich müsste es jetzt hier irgendwo rechts nach
Osterspai abzweigen, also wähle ich den nächsten Weg, dieser führt mich kurz darauf in eine Sackgasse. Seitdem ich Braubach verlassen habe, sind die Muschelwegweiser immer weniger geworden, seit geraumer Zeit habe ich gar keine mehr gesehen. Zum Glück habe ich meine Wanderkarte mit eingezeichnetem Jakobsweg dabei. Ich frage mich nur, warum ein ausgewiesener Weg so schlecht oder gar nicht markiert ist. Oder sind die Schilder Opfer von Souvenirjägern geworden? Jedenfalls sollte sich unbedingt jemand um die „Nachmuschelung“ kümmern, wer ohne Karte hier unterwegs ist, ist hoffnungslos verloren.
Anhand der Karte stelle ich fest, dass es noch ein paar Meter sind, die mich zu meinem nächsten Zwischenziel Osterspai bringen werden. Ich muss jetzt etwas vorsichtiger sein, denn es geht steil abwärts durch still gelegte Weinberge. Der schmale Pfad ist durchzogen von glatten Schieferstücken, die in Verbindung mit Feuchtigkeit sehr rutschig sind. Hier gibt mir mein Pilgerstab zusätzliche Stütze und lässt mich sicher diese Passage bewältigen. Schließlich gelange ich an eine Kreuzung, an der ich die abwärts führende Straße wähle. Diese bringt mich dann auch direkt an das
katholische Pfarrhaus von Osterspai, das ich kurz vor Ende der Öffnungszeit erreiche. Auch hier erhalte ich einen schönen Stempel für meinen Pilgerausweis. Ich suche auch noch die spätbarocke Kirche St. Martin aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert auf, die mit ihrer Helligkeit auf mich sehr angenehm wirkt. Nach einer kurzen Besinnung finde ich in der Nähe eine Bäckerei, in der ich mich mit Lebensmitteln und Getränken versorge. Um jetzt wieder auf den markierten Jakobsweg zu gelangen, muss ich den gleichen Weg bis zur Kreuzung zurückgehen. Dort biege ich nach rechts ab, und oh Wunder, dort prangen auf einen Schlag zwei Muschelwegweiser an einem Baum. Nun folgt der beschwerlichste Abschnitt des Tages, auf mich warten 250 Höhenmeter auf vier Kilometer Strecke. Dabei passiere ich zunächst einen kleinen jüdischen Friedhof mit
vier Grabmalen, später noch großeren Bauernhof. Am Rande einer Weide schmelzen allmählich die letzten Schneereste dahin. Auf den folgenden Metern zeigt sich noch einmal, mit welcher Wucht der Orkan Xynthia hier zugeschlagen hat. Unzählige, dickstämmige und gesunde Nadelbäume sind wie Streichhölzer umgeknickt oder entwurzelt worden. Forstarbeiter haben die Wege großflächig frei geräumt, es riecht nach frischen Tannenzweigen. Etwas weiter gelange ich an einen Sammelplatz, wo bereits zersägte Stämme übereinander geschichtet wurden. Bisher sind mir unterwegs noch keine weiteren Wanderer begegnet, dafür überholen mich nun mitten im Wald innerhalb kürzester Zeit ein PKW, ein Postauto, ein Geländewagen und zu guter Letzt auch noch ein Motorroller.
Meine Karte zeigt mir, dass es nicht mehr weit bis Kamp-Bornhofen sein kann, Muschelwegweiser sind erneut keine mehr vorhanden. An einer Schutzhütte hängt hoch an einer Tanne ein Kruzifix mit der eingravierten Jahreszahl 1950, in der Nähe steht eine überlebensgroße Pilzfamilie aus Holz. An der Hütte beginnt ein Naturlehrpfad, der als Thema die "Bäume des Jahres" hat. Alljährlich wird durch eine Kommission ein Baum des Jahres gewählt. Dieser wird mit einer Informationstafel versehen an diesem Weg angepflanzt, eine tolle Idee. Am Jakobstempel hoch über Kamp-Bornhofen genieße ich noch einmal den Ausblick auf den Rhein, die Sonne setzt sich mehr und mehr gegen die Wolken durch und strahlt ins Tal. Nur noch einige Wegbiegungen trennen mich jetzt noch von meinem Tagesziel. Am Ortseingang treffe ich auf ein paar Ziegen, die mich neugierig betrachten. Hier finde ich auch wieder Wegweiser, die mich an der B42 in Richtung Süden zum Wallfahrtskloster Bornhofen geleiten. Zunächst betrete ich die
Wallfahrtskirche, ich bin ganz allein. Am Gnadenbild des Klosters entzünde ich für meine Familie zwei Kerzen und nehme erst einmal Platz, um die Schönheiten der Kirche auf einwirken zu lassen. Abschließend möchte ich mir noch einen Stempel an der Klosterpforte abholen, stelle aber fest, dass diese erst um 14.00 Uhr öffnet. So setze ich mich auf die Klostermauer mit Blick zum Rhein und genieße eine spanische luftgetrocknete Salami und Mineralwasser als Mittagsvesper. Zwanzig Minuten später erhalte ich von einem Pater meinen Stempel. Wir unterhalten uns ein wenig über meine Pilgerschaft, dann verabschieden wir uns von einander, er wünscht noch mir Gottes Segen für meinen weiteren Weg.
Zum Bahnhof im Ortsteil Kamp gelange ich, indem ich anderthalb Kilometer zurück nach Norden gehe. Dort angekommen stelle ich fest, dass der nächste Zug erst in einer halben Stunde abfährt. Diese Zeit nutze ich aus, um noch einen Abstecher zur in relativer Nähe liegenden katholischen Pfarrkirche St. Nikolaus zu machen, die aber leider verschlossen ist. Die verbleibende Zeit warte ich auf dem Bahnsteig, ein Bahnticket kann ich mir nicht ziehen, da der Automat defekt ist und von einem Mitarbeiter von der Bahn gerade gewartet wird. Im Zug selbst mache ich den Zugbegleiter darauf aufmerksam, er scheint mir aber nicht so ganz glauben zu wollen und sieht mich wohl als Schwarzfahrer an. Zu meinem Glück sind auch noch andere Fahrgäste in Kamp zugestiegen, die meine Ausführungen bestätigen. So muss ich dann nur die erforderlichen 4,95 Euro zahlen. Nur fünfundzwanzig Minuten später steige ich am Koblenzer Hauptbahnhof aus dem Zug. Dort werde ich bereits von meiner Frau erwartet und muss nicht noch die zwei Kilometer nach Hause laufen.











