Von Lahnstein nach Alken (20. Juli 2009)
Christian und ich beginnen nach dem Abschluss des Lahn-Camino direkt an der Hospitalkapelle in Oberlahnstein den nächsten Weg: den Mosel-Camino. Ich habe vor, auch diesen Weg nach dem Pilgerwanderführer von Ka-Jo Schäfer und Wolfgang Welter zu gehen. Danach beginnt der Weg zwar in Stolzenfels, da wir aber schon in Lahnstein sind, starten wir auch hier. Wir nutzen gleichzeitig die Gelegenheit, für unsere Mittagsmahlzeit zu sorgen. Christian hat sich ein halbes Hähnchen gewünscht, das soll er auch bekommen, denn er marschiert frohgelaunt mit und hat immer einen Witz auf Lager. Ich hatte schon Befürchtungen, dass er irgendwann vor mit steht und sagt: "Ich habe keine Lust mehr." Aber diesen Satz habe ich bei unserem nunmehr dritten gemeinsamen Pilgertag noch nicht gehört.
Auf der ausgewiesenen Strecke zur Johanneskirche in Niederlahnstein kommen wir bei Globus vorbei, dort kaufen wir schnell ein. Wir sehen aber zu, schnellstmöglich unser Ziel zu erreichen, denn dort soll auch die Personenfähre Nixe abfahren, uns sind allerdings die Zeiten nicht bekannt. Hinter der Rudi-Geil-Brücke biegen wir an das Lahnufer ab. Dort bleiben wir bis zum Zusammenschluss von Rhein und Lahn, dann geht es noch einen guten halben Kilometer weiter in Richtung Norden und wir stehen vor der romanischen Johanneskirche. Während Christian beginnt, an einer Sitzgruppe am Fahrradweg sein Hähnchen zu verspeisen, möchte ich mir die Kirche von innen ansehen. Die Mitte des zwölften Jahrhunderts erbaute einschiffige Kirche zählt zu den ältesten Emporenkirchen am Rhein. Vor der Kirche steht ein Santiagostein, der im vergangenen Jahr eingeweiht wurde. Ich suche nun mein Handy aus dem Rucksack, um beim Fährmann nachzufragen, wann die Nixe wieder fährt. Kaum bin ich wieder am Fahrradweg angelangt, sehe ich, dass in diesem Moment die Nixe anlegt. Wir packen schnell unser Mittagessen zusammen und sehen zu, dass wir auf die Fähre kommen. Zunächst lassen wir aber drei Damen mit ihren Fahrrädern über den Steg aussteigen. Wir bezahlen den Fahrpreis in Höhe von 3 Euro für uns beide und nehmen im Bug Platz.
Viel Verkehr ist heute nicht auf dem Rhein, bis auf das ein oder andere Touristenschiff sehen wir eigentlich nicht ein Frachtschiff. Nach einigen Minuten des Wartens legen wir dann doch ab und fahren fast in einer Linie auf die andere Rheinseite. Wir bemerken sehr schnell, dass die kleine Fähre mit der starken Strömung des Flusses zu kämpfen hat, aber trotzdem macht sie Meter um Meter gut. Dann fahren wir ganz nah am Ufer entlang nach Süden in Richtung Stolzenfels. Hier ist die Strömung auch nicht mehr so stark und wir erreichen rasch die Anlegestelle. Da die Nixe direkt weiter nach Oberlahnstein fährt, werden wir nur schnell rausgelassen. In unmittelbarer Nähe befindet sich eine Bank, auf der wir uns niederlassen, um das unterbrochene Mittagsmahl fortzusetzen. Während Christian weiter sein Hähnchen bearbeitet, genieße ich zwei frische Mettbrötchen. Wir gönnen uns, umgeben von warmen Sonnenstrahlen, eine ausgedehnte Pause. Dabei erregen wir bei Passanten anscheinend Aufsehen, aber keiner traut sich wohl, uns anzusprechen.
Wir bewegen uns nun zum eigentlichen Beginn des Mosel-Caminos, müssen dabei noch durch die Bahnunterführung und stehen plötzlich und ohne Vorwarnung direkt an der stark befahrenen B9. Wer hier unaufmerksam ist, riskiert sein Leben. Allerdings ist dieser Zugang nur vorübergehend, da die originäre, wesentlich ungefährlichere Unterführung zur Zeit wegen Bauarbeiten gesperrt ist. Gut, dass auch die Umleitung mit Muschelsymbolen gekennzeichnet ist. Der Camino verlässt nun das Rheintal in Richtung Schloß Stolzenfels über eine asphaltierte Straße, die unter anderem unter einem Viadukt geleitet wird. Wir allerdings überwinden die ersten Höhenmeter über eine Treppe, an deren Fuß eine mit einer Bronzemuschel versehene Stele platziert ist. Am Ende der Treppe stehen wir vor der St. Menaskirche, die aber leider nicht geöffnet ist. Von der über dem Ort gelegenen Kirche hat man noch einmal einen schönen Blick auf Lahnstein und die südlichen Ausläufer von Koblenz. Über die Nebengebäude gelangen wir zum Haupteingang des Schlosses, das zur Zeit mit einem Aufwand von mehreren Millionen Euro saniert wird und daher für den Besucherverkehr nicht geöffnet ist. Lediglich die Gartenanlagen können mittels einer Führung besichtigt werden. Pünktlich zum Beginn der Bundesgartenschau 2011 in Koblenz soll das Schloß wieder für die Allgemeinheit zugänglich sein.
Leider haben wir in Stolzenfels keinen Stempel erhalten, da sowohl das Gemeindebüro als auch die Schloßkasse nicht geöffnet haben. Aber da wir ja in unmittelbarer Nähe wohnen, wird das demnächst nachgeholt. Nachdem wir Schloß Stolzenfels nun hinter uns gelassen haben, geht es noch eine Zeit lang weiter den Berg hinauf. Dabei passieren wir unter anderem zwei Grenzsteine aus den Jahren 1779 und 1810. Christian klagt auf einmal über Bauchschmerzen. Ich versuche ihn abzulenken, in dem ich ihn den Berg hinauf ziehe. Dabei nutzen wir seinen Pilgerstab, er die Verbindung zwischen uns beiden herstellt. Und damit scheinen die Bauchschmerzen nicht mehr vorhanden zu sein. Allerdings spielt er jetzt mit mir und lässt sich zwischendurch erneut von ziehen. Ich komme mir dabei vor, als hätte ich einen störrischen Esel am Seil (Ähnlichkeiten mit lebenden Eseln sind nicht gewollt und auch nicht beabsichtigt; außerdem ist Birk nicht störrisch!). Schwierig wird es nun bei den Wegemarkierungen. Einerseits weist das Muschelsymbol den Weg, andererseits kann man auch dem Wegweiser zum Schüllerhof folgen. Zunächst bleiben wir auf dem Camino, da aber nach rund dreihundert Metern kein weiteres Schild folgt, kehren wir wieder um und laufen auf direktem Wege zum Schüllerhof. Zum Glück kenne ich mich in dieser Gegend ganz gut aus, da ich dort oft laufend unterwegs bin. Wir kommen auch tatsächlich am Schüllerhof raus. Damit ist zunächst einmal eine römische Villa gemeint, die neben vielen weiteren Gutshöfen und Villen im Koblenzer Stadtwald gefunden wurden. Heute ist jedoch von dieser Villa nicht mehr viel zu sehen. Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet man die Wegekreuzung, an der wir hier stehen, auch als Schüllerhof. Wir wenden uns nun nach rechts und befinden uns auf dem sogenannten Pastorenpfad. Der Name rührt daher, dass in früheren Zeiten der Pfarrer von Stolzenfels diesen für ihn kürzesten Weg nutzte, um zu seiner Filialgemeinde nach Waldesch zu gelangen. Nach einem guten Kilometer sehen wir auf der rechten Seite die Grundmauern des römischen Merkurtempels. Hier macht gerade eine Damengruppe ein Päuschen während einer Wanderung. Es ist ziemlich laut, es werden Schnäpse verteilt und seltsame Blicke und Worte finden zu uns. Wir grüßen höflich und machen, dass wir hier weg kommen.
Am Ende des Pastorenpfades, der sich wie mit dem Lineal gezogen durch den Koblenzer Stadtwald zieht, sind wir kurz vor Waldesch. Wieder haben wir ein Zwischenziel erreicht und weichen etwas vom Camino ab, denn es gilt unsere Getränkevorräte aufzufüllen. Direkt an der Hunsrückhöhenstraße gibt es einen Supermarkt, in dem ich zwei große Flaschen kaufe. Christian bekommt noch ein Puddingteilchen aus der angrenzenden Bäckerei. Gerne hätte ich jetzt noch einen Abstecher zur katholischen Kirche St. Antonius gemacht, um einen Stempel für den Pilgerpass zu bekommen, aber auch hier hat das Pfarramt heute geschlossen. Das werde ich dann ebenfalls in den nächsten Tagen erledigen. Relativ schnell verlassen wir Waldesch, das durch den Mosel-Camino eigentlich auch nur gestreift wird. Der Weg läuft nun auf einem Fahrradweg, dieser gleicht aber eher einem normalen Feldweg und ist daher nicht für jedes Rad geeignet. Rechts und links ziehen Wälder, Wiesen und Getreidefelder an uns vorbei. Kurz darauf öffnet sich die Landschaft und wir haben einen herrlichen Blick in Richtung Rheintal und die Lahnhöhen. Deutlich sehen wir die Marksburg über Braubach, aber auch das Kurzentrum von Lahnstein, das wir erst heute Morgen umrundet haben. Ich glaube, wir stehen jetzt genau an der Stelle, auf die ich Christian heute Morgen aufmerksam gemacht habe.
Der nun asphaltierte Radweg steigt noch einmal an und mündet dann in das Dörfchen Hünenfeld. Christian erinnert sich an Misselberg in der vergangenen Woche, das sah dort ähnlich ausgestorben aus. Menschen bekommen wir auch keine zu Gesicht, allerdings einige Pferde. Hier scheint wohl ein Reitstall ansässig zu sein. Auch als wir Hünenfeld schon hinter uns gelassen haben, sehen wir auf den Weiden in der Umgebung sehr viele Pferde. Wir ziehen weiter in die Höhe, denn den höchsten Punkt haben wir noch nicht ganz erklommen, sind aber nicht mehr weit davon entfernt. Über einen hölzernen Tritt müssen wir klettern, Vorsicht ist geboten, das Holz ist feucht und rutschig. Etwas weiter stehen wir vor einem mächtigen Hügel, davor steht ein Wegweiser mit mehreren Richtungsangeboten. Die Erhebung selbst wird Bruder-Tönnes-Hügel genannt. Es handelt sich wahrscheinlich um ein Fürstengrab aus der Zeit 1000 bis 500 vor Christus. Bis heute wurde der Hügel nicht archäologisch untersucht, sodass man keine klaren Aussagen treffen kann. Der Hügel ist zum Schutz von Mensch und Tier umzäunt, denn die darauf stehenden über zweihundert Jahre alten Buchen sind vermorscht.
Jetzt haben wir es geschafft, es geht merklich abwärts, wenn auch zunächst nur ein wenig. Wir laufen jetzt parallel zur Hunsrückhöhenstraße, die wir gleich überqueren müssen. Kurz vor einem Parkplatz entdeckt Christian eine aus einem Baumstamm geschnitzte Figur. Beim näheren Betrachten erkennen wir einen Förster oder Jäger mit einem Doppelfernrohr. Er blickt genau auf den Parkplatz, beobachtet diesen anscheinend (es sind aber keine Wohnmobile eines gewissen Gewerbes vor Ort, vielleicht gerade deswegen (vgl. "Ein Jakobsweg von Stolzenfels nach Trier" von Ka-Jo Schäfer und Wolfgang Welter, Seite 41)). Doch nun steht uns die nächste Herausforderung bevor: wir müssen darüber, obwohl ständig Autos aus beiden Richtungen angerast kommen. Wir stehen dort einige Minuten, bis sich endlich die Möglichkeit ergibt, über die Fahrbahn zu hetzen. Etwas außer Atem gehen wir nun auf der Straße nach Naßheck. Am rechten Wegesrand finden wir erneut einen Grenzstein, der aber im Gegensatz zu den beiden vorherigen ein anderes Wappen trägt. Hinter einem Waldstück kommen nun immer mehr Details des Sendemastes mit den seinen Verankerungen ins Blickfeld. Der Mast selbst ist 280 Meter hoch und damit das zweithöchste Bauwerk in Rheinland-Pfalz. Nun gelangen wir auch an die ersten Gebäude von Naßheck, links befindet sich eine kleine Kapelle mit einer Marienstatue. Auf den ersten Blick besteht Naßheck nur aus einer Hand voll Häusern, darunter auch eine Reitschule.
Schnell haben wir die Siedlung hinter uns gelassen, der Camino führt uns nun zu einer Brücke über die Autobahn 61. Wir wundern uns über das relativ geringe Verkehrsaufkommen, der Urlaubsverkehr ist wohl zunächst einmal vorbei. Nach der Autobahnüberquerung laufen wir jetzt direkt neben der Fernstraße her, nur getrennt durch Buschwald. Vor uns sehen wir bereits die Raststätte Moseltal, hier werden auch wir Pilger eine kurze Rast einlegen. Wir erlauben uns ein leckeres Eis und studieren unsere Wanderkarte, denn wir müssen die verbleibende Strecke grob überschlagen, damit wir meiner Frau eine Uhrzeit durchgeben können, wann sie uns in Alken abgeholen soll. Nachdem auch diese Sache geklärt ist, machen wir uns auf die letzten noch ungefähr sechs verbleibenden Kilometer.
Vor uns taucht eine Straße auf, der wir auf einem angenehmen Waldweg parallel folgen, bis wir sie überqueren müssen. Zwei Biegungen weiter haben wir einen ersten Blick ins Moseltal, und direkt vor uns baut sich auf einer Bergkuppe die Burg Thurant auf. So sehen wir heute nach Lahn und Rhein bereits den dritten Fluß unserer Region, das hatten wir bisher auch noch nicht erlebt. Bevor wir nach Alken gehen, schauen wir uns die Dreifaltigkeitskirche auf dem Bleidenberg an, die nur wenige Schritte entfernt ist. Das ursprüngliche Bauwerk stammt wohl aus dem 10. oder 11., die Kirche in ihrer derzeitigen Form erst aus dem 13. Jahrhundert. Auffällig, dass der Innenraum weder verputzt noch mit Wandmalereien versehen ist, das macht aber auch einen gewissen Charme aus.
27. Juli 2009 Stolzenfels
Nachtrag: Im August 2010 wurde der Betrieb der "Nixe" wegen einem Motorschaden eingestellt. Wer nach dem Lahn-Camino direkt auf den Mosel-Camino wechseln möchte, hat jetzt zwei Möglichkeiten: entweder ab Johannis-Kirche am Rhein entlang bis nach Koblenz-Horchheim, dort über die Eisenbahnbrücke gehen und auf der anderen Seite wieder in Richtung Süden nach Koblenz-Stolzenfels (= zusätzlicher Weg von ca. 7 km). Eine andere Alternative wäre die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs (mit der Bahn ab Bahnhof Niederlahnstein nach Koblenz Hbf, dann mit dem Bus 650 nach Stolzenfels, je nach Fahrt 30 - 40 Minuten). Fahrpläne unter www.vrminfo.de.











