Von Alken nach Treis-Karden (31. Juli 2009)
Zum Abschluss meines Urlaubes sollte eine weitere Etappe auf dem Mosel-Camino absolviert werden. Christian hatte vor ein paar Tagen ein Paar neue Outdoorschuhe bekommen, die er baldmöglichst austesten wollte. Heute lassen wir es im Vergleich zu den bisherigen Etappen sehr spät werden, bevor wir, wie fast immer, die ersten rund 2,5 Kilometer von unserer Wohnung bis zum Koblenzer Hauptbahnhof zu Fuß bewältigen. Es ist bereits kurz vor neun Uhr, unser Zug nach Löf an der Mosel fährt um 9:26 Uhr ab. Leider hat die Deutsche Bahn hinter einer Diesellok nur einen doppelstöckigen Wagen angehängt. Oben ist nur für 1. Klasse-Passagiere reserviert und unten sind die sehr wenigen freien Plätze schnell belegt oder durch Fahrräder nicht nutzbar. Neben uns erzählt ein Mann einem älteren Paar aus Österreich einiges über seine Heimatstadt Kobern-Gondorf und die Mosel. Pünktlich erreichen wir eine gute halbe Stunde später den Bahnhof in Löf, der sich eher wie eine Haltestelle darstellt.
Zunächst müssen wir vom Bahnhof zurück gehen, um über die Moselbrücke nach Alken zu gelangen, wo wir genauestens nach Vorgabe an der katholischen Pfarrkirche St. Michael unsere heutige Etappe beginnen wollen. Im Pfarramt, das gerade erst geöffnet hat, erhalten wir unseren ersten Stempel für heute. Eine kurze Besichtigung der gegenüberliegenden, lichtdurchfluteten Kirche lassen wir uns nicht nehmen. Christian entzündet zwei Kerzen und wir bitten um einen schönen Pilgertag für uns. Dann geht es endlich richtig los, obwohl wir ja eigentlich bereits fünf Kilometer hinter uns haben. Der Camino zieht sich nun durch die Alkener Oberstraße, bis wir vor einem Heiligenhäuschen zu Ehren der Gottesmutter stehen. In der kleinen Kapelle befinden sich ein paar Bänke, einige Heiligenfiguren und Dankestafeln. Linker Hand erhebt sich über der Weinlage "Alkener Burgberg" majestätisch die Burg Thurant. Doch schon gleich haben wir das romantische Moselörtchen hinter uns gelassen, wir laufen unter einer Straßenbrücke hindurch und biegen direkt danach rechts ab zur Moselbrücke. Hier fehlt leider noch eine zusätzliche Markierung, ein unkundiger Pilger könnte weiter geradeaus gehen. Da wir aber wissen, dass es auf der anderen Moselseite weiter geht, schlagen wir den richtigen Weg ein. Von der Brücke haben wir noch einmal einen tollen Blick auf Alken.
Wir zweigen links ab und stehen praktisch vor der Löfer Pfarrkirche St. Luzia, deren Glockenturm bereits aus dem Jahre 1310 im spätromanischen Stil erbaut wurde. Im 18. Jahrhundert wurde das barocke Kirchenschiff neu erbaut, rund hundertfünfzig Jahre später wurde es neugotisch erweitert. Leider ist die Kirche verschlossen, so dass uns ein Blick ins Innere verwehrt bleibt. Der Pilgerweg geht unterhalb der Kirche weiter und mündet in eine Verbundsteinpflasterstraße unmittelbar neben der Bundesstraße. Diese zieht sich entlang des ganzen Ortes, vorbei an kleinen Touristenhotels und Weinstuben. Während wir einen Bilderstock aus dem Jahre 1728 passieren, schnattern auf dem Grünstreifen am Ufer einige Gänse aufgeregt, als wollten sie uns etwas zurufen. Erst fast am Ortsausgang verlassen wir den jetzt nur noch schmalen Streifen neben der Bundesstraße in Richtung Bahnhof. Es geht weiter zwischen einem Hotel und einem rosa gestrichenen, abbruchreifen Haus, auf dessen Dach sich inzwischen eine Grünfläche gebildet hat.
Nach der Bahnhofsunterführung stehen wir vor einer aufgerissenen Straße ohne einen Hinweis auf den Jakobsweg. Nach einem kurzen Blick auf die Wanderkarte biegen wir nach links ab, und sehen fast verdeckt durch einen Busch die nächste Muschel. Bei genauem Hinsehen hätte man sie auch schon aus der Unterführung bemerken können. Nur wenige Meter weiter gibt es einen großen Wegweiser nach Hatzenport mit dem uns wohlbekannten Symbol. Der Camino geleitet uns für die nächsten Kilometer zwischen Bahnlinie und Weinberg in den nächsten Moselort. Leider sind wir zur falschen Zeit an diesem Ort, denn sowohl die zahlreichen Zwetschgen als auch Äpfel und Trauben sind noch nicht zum Verzehr geeignet. Wir gehen über den schmalen Pfad, einige Meter über den Bahnschienen. Hin und wieder müssen wir ein paar Treppenstufen überwinden, aber grundsätzlich ist diese hier ein sehr interessanter und schöner Streckenabschnitt. Hinter einer Felswand tauchen wie aus dem Nichts die ersten Häuser von Hatzenport auf. Als erstes fällt uns die St. Johanneskirche inmitten der Weinberge auf. Die leider verschlossene Kirche wurde zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert erbaut. Sehenswert ist der hinter der Kirche angelegte Kräutergarten. Rund um die Kirche ist noch der örtliche Friedhof angesiedelt. In die Friedhofsmauer integriert ist eine Nische mit einer Christusfigur aus dem 18. Jahrhundert. Wir verlassen den bisherigen Weg und biegen über eine Brücke in den Ort ein. Allmählich macht sich bei uns ein Hungergefühl in der Magengrube breit. Dummerweise haben wir aufgrund der kurzfristigen Planung heute nur jeder einen Apfel, aber genügend Flüssigkeit dabei. Wir hoffen, in Hatzenport gegen den Hunger etwas zu bekommen, werden aber eines besseren belehrt. Da auch Hatzenport einer großen Baustelle gleicht, laufen wir statt in Sichtweite zur Mosel mitten durch den Ort. Dort finden wir neben einer weiteren verschlossenen Kirche aber weder einen Laden noch eine Metzgerei. Das gefällt vor allem Christian nicht, ich selbst kann das gut verdrängen.
Enttäuscht eilen wir aus Hatzenport heraus, in der Hoffnung, irgendwie doch noch etwas zu essen zu bekommen. Der Weg steigt nun leicht an und führt uns in eine etwas höher gelegene Siedlung. Wir können schon bald erahnen, welch schöne Ausblicke uns auf dem nächsten Wegestück erwarten. Wir laufen nun nicht nur auf dem Moselhöhen- und dem Jakobsweg, inzwischen hat sich auch der WeinWetterWeg dazu gesellt. Es soll nicht der letzte für heute gewesen sein. Wir laufen jetzt wieder auf einem asphaltierten Wirtschaftsweg zwischen unzähligen Rebstöcken. Beim Blick zurück erhaschen wir eine traumhafte Aussicht auf Hatzenport, vor uns taucht bereits auf der anderen Moselseite das Städtchen Burgen auf. Nach kurzer Zeit befinden wir uns wieder mitten drin im Weinberg. Der zur Verfügung stehende Platz zum Wandern wird immer geringer, rechts türmen sich unzählige Trockenmauern auf, links birgt ein gefährlich aussehender Abhang bei Unaufmerksamkeit viele Gefahren. Irgendwie hat diese abwechslungsreiche Passage etwas von verschlungenen Dschungelpfaden und macht sehr viel Spaß.
An einer lichteren Stelle erkennen wir mitten im bewaldeten Hang die Burg Bischofstein, die heute ein Landschulheim beherbergt und nicht besichtigt werden kann. Wir erreichen das Ende des langsam ansteigenden Pfades und befinden uns auf dem so genannten "Küppchen". Diese Örtlichkeit fungiert zum einen für Gleitschirmflieger als Start, zum anderen bietet sie einen weiteren prima Blick auf Burgen. Hier beginnt auch ein Klettersteig, der allerdings nur von geübten Wanderern mit entsprechendem Equipment genutzt werden sollte. Wir nehmen den Abzweig nach Lasserg, unserem nächsten Zwischenziel. Der Camino ist nun charakterisiert durch Feld- und Wiesenwege. Erst kurz vor dem Dorf wechselt der Belag wieder zur Straße, die von Maisfeldern gesäumt wird. Christian hat die Idee, gegen seinen Hunger einen Maiskolben zu vertilgen. Nach dem ersten Bissen gibt er es aber schnell auf, der Mais ist nicht genießbar. Es heißt also weiter für ihn, durchzuhalten.
Wir spazieren durch Lasserg, das für das Auge nicht allzu viel zu bieten hat. Mitten im Ort befindet sich um einen Ziehbrunnen eine nette Sitzgruppe, etwas weiter kommen wir an das auffälligste Gebäude, die St. Benediktkirche. Auch diese ist nicht geöffnet, wir haben heute kein Glück mit Kirchenbesichtigungen. Die für die Größe des Dorfes eigentlich zu breite Hauptstraße stößt bald auf die Kreisstraße 39, die wir überqueren müssen. Den Camino säumen nun Rüben- und Maisfelder, vereinzelt stehen am Rand Apfelbäume. Die Äpfel sind aber noch nicht reif und schmecken sehr sauer. Wir sind froh, wieder in ein Waldstück zu gelangen, denn die Sonne steht sehr hoch und sorgt für hohe Temperaturen. Hier im Wald ist es schön kühl und schattig. Aber er hat auch seine Tücken. Inzwischen hat sich der Traumpfad "Eltzer Burgpanorama" zu unserer Wegesammlung gesellt, und wir vermissen die gewohnte gelbe Muschel. Das gibt es halt hin und wieder, dass einzelne Abschnitte nicht so gut ausgeschildert sind. Ich mache mir keine Gedanken und wir durchqueren ein Feld auf Sägespänen bis zu einem Wirtschaftsweg. Wir folgen inzwischen blind den Traumpfad-Schildern. Erst nach einiger Zeit ziehe ich meine Wanderkarte aus der Tasche und überprüfe unseren Standort. Ich stelle fest, dass wir wohl an einem Wegweiser vorbeigelaufen sind, denn inzwischen haben wir den eigentlichen Weg verlassen. Ich schätze ab, ob es sich lohnt, zurück zu gehen, komme aber zu dem Schluß, dass die zurückzulegende Strecke ungefähr gleich der noch zu laufenden sein wird (Anmerkung: Wolfgang Welter, Co-Autor des Pilgerwanderführers für den Mosel-Camino, hat bereits einen Tag später an der besagten Stelle einen Wegweiser angebracht).
Auf dem Parkplatz an der Burg Eltz werden wir von meiner Frau erwartet. Sie fragt schon mal telefonisch nach, wann sie mit uns rechnen kann. Ich vermute, dass Christian und ich noch eine gute dreiviertel Stunde vor uns haben. Statt direkt am Parkplatz rauszukommen, werden wir nun die Burg aus der anderen Richtung ansteuern. Uns erwartet jetzt wieder ein eher abenteuerlicher Abstieg. Ein schmaler, felsiger Pfad schlängelt sich eng am Hang anliegend ins Eltzbachtal. Hier bewähren sich zum wiederholten Male unsere Pilgerstäbe und festes Schuhwerk. Endlich haben wir es geschafft und treten auf den großzügigen Platz vor dem Ausflugslokal "Ringelsteinermühle", hier ist ganz gut Betrieb. Wir möchten uns aber nicht lange aufhalten, Christian hat Hunger, möchte aber warten, bis wir auf dem Parkplatz sind. Er treibt jetzt das Tempo in die Höhe und wird immer schneller. Ich finde es toll, wie er sich immer wieder motiviert. Auf dem schönen Waldweg begegnen uns immer mehr Leute, die wohl die Burg Eltz bereits besucht haben. Der Weg steigt nur leicht an, hin und wieder überwinden wir ein felsiges Hindernis. Nach unzähligen Biegungen haben wir von Burg Eltz ein prächtiges Bild vor Augen. Die uns zugewandte Seite ist durch ein Gerüst verdeckt, die Burg wird anscheinend großflächig saniert. Wir beschließen, zunächst die steile Straße zum Parkplatz zu gehen, um dann später zur Burg zurück zu kommen. Wir erreichen den Aussichtspunkt mit seinem vorgelagerten großen Kruzifix, an den Ruinen der Burg Trutz Eltz. Kurz danach sagt mir Christian, dass er am Parkplatz nicht mehr weiter gehen möchte. Ich habe Verständnis für ihn, er ist jetzt gute zwei Stunden mit leerem Magen gewandert. Wir finden relativ schnell unser Auto, wo wir bereits erwartet werden. Nachdem Christian auch nicht mehr die Burg besichtigen möchte, mache ich mich alleine auf die restlichen sechs Kilometer nach Treis-Karden.
Ich begebe mich nun in die Burg und frage im Souvenirladen nach einem Stempel für den Pilgerpass, den ich auch bekomme. Nach einem kräftigen Schluck aus der Wasserflasche schnalle ich mir meinen Rucksack auf den Rücken und folge den vorhandenen Muschelwegweisern in Richtung Karden. Dazu muss ich zunächst über den Eltzbach gehen, dann geht es für einige hundert Meter gerade nach oben. Zwischendurch zeigt sich Burg Eltz noch einmal von ihrer schönsten Seite. Die Herzfrequenz steigt merklich an, je höher ich mich vorarbeite. Aus dem schmalen Weg über den Kamm des Bergrückens wird bald ein breiter Waldweg, der ab dem Forthaus "Rotherhof" mit acht Kreuzwegstationen aus dem Jahre 1808 flankiert wird. Die recht gut erhaltenen Stationen aus Stein wurden von den damaligen Bewohnern des Hofes aufgestellt. Der Camino wird nun über die Kreisstraße 29 geführt, die zum Glück nicht stark befahren ist. Bereits nach wenigen hundert Metern zweigt der Weg nach links ab. Ich befinde mich nun auf einem Wiesenweg, der sich quer durch das Ackerland zieht. Vor den Windhäuserhöfen umkreise ich ein eingezäuntes Maisfeld, um dann nach links in den Wald abzubiegen. Ich kann jetzt auch schemenhaft Treis-Karden sehen, bin ich wirklich noch so weit weg? Schon bald stoße ich auf einen großen Wegweiser zur Pilgerherberge Klickerterhof. Dort kann man als Pilger mit Pilgerausweis kostenlos oder gegen eine Spende übernachten.
Ich wähle jedoch den abschüssigen Weg zu meiner Linken und gelange zu einer Schutzhütte, die in den Siebzigern von der Kardener Feuerwehr erbaut wurde. Was mich nun erwartet, hätte ich nicht gedacht. Vor mir offenbart sich der bisher schmalste Pfad meiner Pilgerwege, dazu stetig steil abwärts und übersät mit Schieferbruchstücken. Hier muss jeder Schritt bedacht gesetzt werden, volle Konzentration ist notwendig. Der Weg ist in keinem guten Zustand. Treppenstufen aus Holz lösen sich in ihre Bestandteile auf, kurze Abschnitte sind überwuchert. Als Besonderheit wächst hier am Hang wilder Buchsbaum, einer der wenigen Vegetationsplätze in Deutschland. Richtig Schwindel erregend wird das letzte Stück. Es geht über unregelmäßig hohe Treppenstufen aus Schiefer, ich habe sie nicht gezählt, aber es sind viele. Es kommt mir vor, als steige ich einen Azteken-Tempel herab. Ich schaffe es, mit schnellem Schritt diesen Hang zu bewältigen und befinde mich relativ schnell an der Moseluferstraße. Dieser folge ich bis zum Zentrum von Karden. Am Bahnhof werde ich bereits von meiner Familie erwartet. Meine Frau hat von der Touristeninformation ein nagelneues Faltblatt vom Mosel-Camino mitgebracht, herausgegeben von Wolfgang Welter. Ich gehe selbst dorthin, um nach einem Stempel zu fragen. Leider gibt es jedoch (noch) keinen, man will sich aber bemühen, in naher Zukunft einen verfügbar zu halten. Christian erzählt mir, dass er bisher immer noch nichts gegessen hätte, da es in Karden auch keine Möglichkeit hierzu gäbe. Also fahren wir auf die andere Seite der Mosel nach Treis, dort finden wir ein Einkaufszentrum und Christian kauft sich bei einem fahrbaren Grill eine Schweinshaxe. Meine Frau und ich gönnen uns ein Puddingteilchen, besorgen noch Getränke und machen uns dann auf den Heimweg. Auf der Rückbank beißt Christian herzhaft in seine Haxe. Er hat sich die heute mehr als verdient. Für die nächste gemeinsame Etappe werden wir deutlich besser mit Speis und Trank ausgerüstet sein.











