Von Bullay nach Traben-Trabach (14. Dezember 2009)
Zum Ende des Jahres will ich unbedingt noch eine Etappe auf dem Mosel-Camino gehen. Dienstliche und auch private Termine haben meine Pläne immer weiter nach hinten geschoben, doch heute ist es endlich soweit. Am vergangenen Wochenende sind die Temperaturen stark gesunken, sodass ich wohl oder übel heute mit deutlich extremeren Verhältnissen rechne, wie bei meinen bisherigen Pilgertagen. Das hat allerdings auch etwas Gutes, ich habe die Möglichkeit, einmal verschiedene Bekleidungsstücke bei kalten Temperaturen zu testen. Bevor es losgeht, gibt es Frühstück mit der ganzen Familie. Die üblichen zwei Kilometer bis zum Bahnhof sind für mich inzwischen Routine. Ich erstehe meine Fahrkarte und begebe mich auf den Bahnsteig, wo schon unzählige Schüler auf den gleichen Zug wie ich warten. Um 7.40 Uhr geht es endlich los. Ich bin noch etwas schläfrig und schließe die Augen.
Eine knappe Stunde später steige ich am Bullayer Umweltbahnhof aus dem Zug und mache mich auf den Weg zum katholischen Pfarramt, um mir dort meinen ersten Stempel für heute abzuholen. Da das Pfarramt erst um neun Uhr öffnet, gehe ich noch für ein paar Minuten ans Moselufer. Auf der anderen Seite liegt das Örtchen Alf, das vor einigen Jahren wegen der populären Fernsehserie mit dem zotteligen Außerirdischen mit gleichem Namen ständig die Ortschilder gestohlen bekam. Nur wenige Augenblicke später habe ich einen neuen Stempel in meinem Pilgerausweis und folge wieder den Muschelwegweisern, die mich zur Bullayer Moselbrücke führen. Die Brücke ist mit ihrer Stahlbauweise eine Besonderheit, denn über der Fahrbahn führt auch die Bahntrasse. Bullay selbst gefällt mir nicht sonderlich, hat es doch keinen historischen Ortskern wie manch anderes Modelstädtchen. Kurz hinter der Brücke geht es schon zum ersten Mal für heute bergauf, allerdings sehr moderat. Das Ziel ist die Marienburg, die hoch über der Mosel thront.
Nach gut zwei Kilometern über schmale Pfade am Hang biege ich nach rechts ab und erreiche kurz darauf die Anlage, die heute neben einer Jugendkirche auch eine Jugendbegegnungsstätte mit rund 120 Betten beherbergt und vom Bistum Trier verwaltet wird. Von hier oben hat man einen wunderschönen Blick auf das Moseltal. Ich betrete die Kirche und finde einen modern gestalteten Raum vor. Die Kirche ist hell, farbenprächtig und jugendlich eingerichtet und bietet Ausstellungsmöglichkeiten von Arbeiten der jungen Leute. Hier komme ich für einige Momente zur Ruhe. Ich verlasse die Marienburg in Richtung Zell. Am Wegesrand sind Kreuzwegstationen angebracht, aus inzwischen verrostetem Stahl, nur das Kreuz Jesu ist aus Holz gefertigt. Ich laufe direkt auf die stark befahrene Bundesstraße 53 zu, und wundere mich, dass ich keine Wegweiser sehe. Da ich aber nach Zell muss, folge ich der Straße auf dem Gehweg, zweige dann aber nach einem nur kurzen Stück nach links ab. Dort bewege ich mich zwischen Rebstöcken fort direkt in Richtung Moselufer.
Hier ist es angenehmer, als an der nun etwas oberhalb verlaufenden Bundesstraße entlang zu gehen. Nur wenig später passiere ich den Zeller Campingplatz, der naturgemäß zu dieser Jahreszeit geschlossen ist. Vor mir eröffnet sich immer mehr der Blick auf Zell am gegenüberliegenden Moselufer mit der Pfarrkirche St. Peter und Paul im Zentrum. Ich überquere die Mosel über die Fußgängerbrücke und stehe direkt vor der Kirche. Beim Pfarramt frage ich nach einem Stempel und erhalte diesen auch, und zwar von der Pfarrgemeinde St. Jakobus in Zell-Kaimt. In einer Bäckerei mit Metzgerei kaufe ich mir ein zweites Frühstück und ein Stück Fleischwurst für die Mittagsrast. Dabei laufe ich am Zeller Schloß vorbei, einem der wenigen historischen Gebäude, die die verheerenden Stadtbrände im neunzehnten Jahrhundert schadlos überstanden haben.
Ich verlasse die Stadt durch die Schloßstraße, an der zahlreiche Winzerbetriebe ihre Weine anbieten. Auf Höhe der Autobrücke biegt der Camino nach links ab und führt durch ein kleines Gewerbegebiet. Dort muss ich an der etwas verfallenen Wassertretanlage cirka fünfhundert be-schwerliche Meter auf mich nehmen. Oben angekommen weist der immer sehr gut ausgeschilderte Weg einen etwas flacheren Abschnitt aus, von dem ich wieder eine tolle Aussicht ins Tal habe. Bei einem Aussichtspavillon mache ich auch ein Photo von mir per Selbstauslöser.
Nun geht es weiter mit Kraxelei, schmale Pfade tun sich vor mir auf, ich habe den Eindruck, es geht kreuz und quer durch den Wald bis zum Beinter Kopf. Dort sind noch die Grundmauern eines ehemaligen römischen Bergheiligtums erkennbar. Eine Schautafel gibt hierzu die entsprechenden Erläuterungen. Nun folgt der abenteuerlichste Abschnitt, so etwas habe ich noch nicht erlebt. Ich bin inzwischen in eine Region vorgedrungen, wo der Boden mehr oder weniger mit den Resten des ersten Schneefalls vom vergangenen Wochenende bedeckt ist. Der Weg selbst ist nur noch als Trampelpfad zu erahnen. Aber in den Augenblicken, wo ich scheinbar die Richtung verloren habe, kommt die Rettung mittels einer gelben Muschel auf blauem Grund. Man muss nur die Augen offen halten und aufmerksam sein. Das gleiche passiert mir an vier oder fünf verschiedenen Stellen, während der Weg plötzliche Richtungsänderungen einschlägt oder sich steil nach oben durch Schieferfelsen schlängelt. Nichtsdestotrotz genieße ich diesen Abschnitt, er hat etwas ganz besonderes an sich.
Der Camino bleibt weiter gemein und führt immer weiter hinauf auf den Bummkopf, einer Erhebung, die zur Gemeinde Briedel gehört. Der Weg ist gekennzeichnet durch Verwüstungen von Wildschweinen, die hier ihr Unwesen getrieben haben. Endlich wird es wieder flacher, ich bin oben angelangt, dafür weht hier ein heftiges Lüftchen, das mir die Ohren kalt werden lässt. Ich gehe nun ein paar Meter entlang der Kreisstraße 52 und biege an einer roten Bank rechts ab in einen Feldweg. An der nächsten Kreuzung weiß ich nicht weiter und schau mich um. Mitten in einem Feld steht ein Strommast mit Farbklecksen drauf. Beim genaueren Hinsehen erkenne ich einen gelben Pfeil und die Großbuchstaben MC für Mosel-Camino, sodass ich doch den richtigen Weg einschlage. Über mir lockert sich die Wolkendecke etwas auf und einige Sonnenstrahlen dringen hervor. Von meinem Standort aus kann ich weit in den Hunsrück schauen, der mit weißem „Puderzucker“ überzogen ist. Plötzlich erklingt ein ohrenbetäubender Lärm. Dann steigt aus dem vor mir liegenden Wald ein riesiges Transportflugzeug auf. Klar, ich bin hier auf Höhe des Flughafen Hahn.
Jetzt geht es weiterhin abwärts ins Tal, das nächste Ziel Enkirch nähert sich unaufhaltsam. Bald sind tief unten die ersten Häuser zu erkennen, während ich mich durch aufgegebene Weinlagen bewege. Der Weg wird noch abschüssiger und endet zunächst am so genannten Fünf-Täler-Blick. Auf einem Tisch aus einer Schieferplatte sind die jeweiligen Täler mit Himmelsrichtung eingraviert. Wirtschaftswege durch die Weinberge geleiten mich mitten rein nach Enkirch. Hier kann ich leider keinen Stempel erhalten, denn zum einen hat die Tourist-Info geschlossen und im wunderschönen evangelischen Pfarrhaus treffe ich niemanden an. Überhaupt besitzt das Örtchen mit seinen unzähligen Fachwerkhäusern Charme und bietet einiges für das Auge. Man muss halt nur aufmerksam durch die schmalen Gassen spazieren. Ein Besuch der evangelischen Kirche bleibt mir versagt, da diese leider verschlossen ist.
Ich verlasse Enkirch in Richtung Aussichtspunkt „Rottenblick“, klar dass es wieder steil nach oben geht, über Treppenstufen und schmale Pfädchen bis in die obersten Weinlagen. Dort wurde von einer Bürgervereinigung ein kunstvoll verzierter Pavillon errichtet, der in 255 Metern Höhe liegt. Selbstverständlich wurde der Standort so gewählt, dass Wanderer erneut einen herrlichen Blick auf das Moseltal geniessen können. Ich trage mich in das in einem Holzkasten an der Rückwand des Pavillons aufbewahrte Wanderbuch ein und hole dann meine Fleischwurst aus dem Gepäck, die ich genüsslich vertilge. Meine mitgeführte Flasche ist inzwischen durch die Außentemperaturen so stark gekühlt, dass ich das Wasser kaum trinken kann. Allmählich reißt der Himmel weiter auf, es sind jetzt sogar vereinzelt größere Flächen blauen Himmels zu erkennen. Es wird nun aber Zeit, den Camino fortzusetzen. Ich folge den Wegweisern, die jetzt zusammen mit denen des Moselhöhenweges und des Sponheimer Weges auftreten. Ich befinde mich nun auf dem Kirster Grad. Linker Hand führt eine Straße in Richtung Starkenburg, rechts fällt es steil abwärts ins Tal, bietet sensationelle Ausblicke.
Auf dem anderen Moselufer erkenne ich bereits die ersten Ausläufer von Traben-Trarbach, das mitten in einer weitlaufenden Moselschleife angesiedelt ist. Darüber befindet sich ein Plateau, auf dem nach dem 30-jährigen Krieg im 17. Jahrhundert durch den französischen König Ludwig XIV. die Festung Mont Royal errichtet, wenig später aber bereits gesprengt wurde. Der schmale Pfad über den Grat hat es in sich, zum Glück führt parallel dazu ein „normaler“ Weg. Allerdings hat man dann keine Gelegenheit, an einem der Aussichtspunkte ins Tal zu blicken. Schließlich endet der Weg an der Landesstraße 192, der ich noch zwei Kurven folgen muss, um den Ortseingang von Starkenburg zu erreichen. Hier steige ich links einige Stufen hoch, um zu den kläglichen Resten, nämlich den Grundmauern, der ehemaligen Starkenburg zu gelangen. Auf dieser wurde im 14. Jahrhundert der Trierer Fürstbischof Balduin von der Gräfin Loretta von Sponheim einige Monate festgehalten und später gegen ein hohes Lösegeld freigegeben. Über die Schloßstraße gehe ich weiter, passiere die verschlossene evangelische Kirche aus dem 18. Jahrhundert und biege dann nach rechts ab. Hier hängt auch die berühmte Hochwassermarke vom 30. Februar 1986 an der Hauswand. Nun ist es nicht mehr allzu weit bis zu meinem Tagesziel Traben-Trarbach und ich liege sehr gut in der Zeit.
Hinter Starkenburg geht es auf einem Feldweg bereits leicht abwärts weiter. Hier wurde erst vor gut zwei Wochen die Wegführung verändert, ist aber gut ausgeschildert. Diesen Hinweis bekam ich gestern noch von Wolfgang Welter, dem Co-Autor meines Pilgerwanderführers. Wenig später erreiche ich die ersten Weinlagen von Traben-Trarbach und laufe auf einem steil abfallenden, betonierten Wirtschaftweg. Durch die blattlosen Bäume hindurch erkenne ich schon einige Reste der Grevenburg, die ich noch ein wenig erkunde. Sehr interessant finde ich dabei den Bereich der ehemaligen Vorburg. Hier wurde ein Turm in die Felswand gehauen, man kann ihn sogar noch betreten und andeutungsweise die sich nach oben windende Treppe erkennen. Leider ist von der Hauptburg nicht mehr allzu viel übrig geblieben. Die Burg wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts von den Franzosen gesprengt, nur wenige Reste der Kommandantenlogis (heute das Wahrzeichen von Traben-Trarbach), dem Palas und der Kasematten sind erhalten.
Von hier oben hat man noch einmal einen wunderschönen Blick auf Traben-Trarbach und den Moselbogen. Doch es wird nun Zeit, dass ich mich auf das letzte Stückchen Weg mache. Der Camino leitet mich auf einen sehr schmalen Pfad, der sich mit unzähligen Serpentinen an die Bundesstraße 53 nach unten schlängelt. Kurz darauf stehe ich vor dem imposanten Brückentor, das die Zerstörung der Moselbrücke im zweiten Weltkrieg überstanden hat. Ich schaue auf meine Uhr und stelle fest, dass ich deutlich früher mein Ziel erreicht habe, wie es geplant war. Ich verzichte daher, heute noch den Kirchen des Ortes einen Besuch abzustatten und dies bei der Fortsetzung meiner Pilgerwanderung im kommenden Jahr nachzuholen. Vielmehr beeile ich mich nun, um den eine Stunde früher abfahrenden Zug noch zu bekommen. Dabei komme ich am alten Bahnhof vorbei, wo ich vor einigen Wochen noch beim Vortrag von Ka-Jo Schäfer zu Gast war. Er hatte mir damals gesagt, dass es hier bei der Tourist-Info einen neuen Stempel für den Pilgerpass gebe.
Diesen bekomme ich dann auch und treffe noch einen Mitarbeiter, den ich bereits beim Vortrag kennen gelernt habe. Wir sprechen kurz über meinen heutigen Weg und ich lobe ausdrücklich die gute Ausschilderung und die phantastischen Aussichtspunkte hoch über der Mosel. Dann verabschiede ich mich rasch, denn die Abfahrtszeit meines Zuges rückt näher. Nur einhundert Meter weiter ist der Bahnhof, der sich als einschienige Sackgasse herausstellt. Da ich es nicht schaffe, dem Automaten ein Ticket zu entlocken, muss ich beim Zugbegleiter eins lösen. Nach gut fünfzehn Minuten ist die Reise auch schon zu Ende, denn der Zug pendelt nur zwischen Traben-Trarbach und Bullay. Hier steige ich aus und wechsele den Bahnsteig. Dort werde ich von zwei Zollbeamten angesprochen und wir unterhalten uns die nächsten gut zehn Minuten. Als dann mein Anschlusszug in den Bahnhof einfährt, verabschiede ich mich und steige ein. Jetzt dauert es noch fast eine Stunde, bis ich in Koblenz bin. Ich mache es mir etwas gemütlich und merke, dass ich ein wenig müde geworden bin. Ich lasse noch einmal den Tag an mir vorüber ziehen. Es war wieder ein schöner Tag mit einem tollen Streckenabschnitt und vor allem unter etwas anderen klimatischen Verhältnissen. Jetzt mache ich aber erst einmal Winterpause. Im nächsten Jahr geht es wieder weiter nach Trier. Ich spüre, wie meine Augenlider immer schwerer werden. Kurz vor Koblenz wache ich auf. Noch zwei Kilometer Fußmarsch, dann bin ich zu Hause.










