Von Bad Ems nach Lahnstein (14. Juli 2009 / 20. Juli 2009)
Heute Morgen geht es etwas später los, da die beiden Pfarrämter von Bad Ems erst ab 10.00 Uhr geöffnet haben. Christian und ich nutzen die Gelegenheit, in einem auf dem Weg in die Stadt liegenden Supermarkt Getränke zu kaufen. Kurz darauf beginnt es leicht zu regnen und wir überlegen, aus den Rucksäcken unsere Regenjacken herauszunehmen. Während wir noch unentschlossen sind, hört es auch schon wieder auf. Wir erreichen nach wenigen Minuten die evangelische Martinskirche, suchen das Pfarramt und bitten um einen Stempel für unsere Pilgerpässe. Leider bekommen wir nur einen Absenderstempel, ein Pfarrsiegel darf die Mitarbeiterin ohne den Pfarrer nicht herausgeben. Wir gehen weiter durch die Stadt zum katholischen Pfarramt St. Martin. In dieser Gemeinde bin ich groß geworden und war viele Jahre Ministrant. Hier bekommen wir einen schönen Stempel der Pfarrei.
Auf dem Weg zur St. Martinskirche passieren wir meinen ehemaligen Kindergarten und treffen den Küster, der früher nebenan gewohnt hat. Das Gotteshaus selbst ist nur spärlich beleuchtet, der Organist spielt gerade auf seinem Instrument. Es ist jetzt nicht mehr weit bis zum Einstieg in den Lahn-Camino, den wir für uns an der Talstation der Malbergbahn wählen. Die Bahn war einst die steilste Zahnradbahn von Deutschland, wurde aber im Jahr 1980 wegen technischer Mängel außer Betrieb genommen. Seitdem versucht ein Verein, dies wieder rückgängig zu machen, bisher aber erfolglos. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich als kleines Kind mit der Bahn auf den Malberg gefahren bin und dann den dort angesiedelten Tierpark besucht hatte. Heute verfallen die beiden Wagen und die Gleisanlage zunehmend, auch weil Randalierer ihre Zerstörungswut an der Anlage ausgelassen haben.
Der nächste Streckenabschnitt führt uns bergauf, wir stoßen bald auf den ersten Wegweiser des Lahn-Camino und fühlen uns nun wieder heimisch. Die Wege sind in keinem guten Zustand, Fahrzeuge haben tiefe Spuren hinterlassen, umgestürzte Bäume machen das Weitergehen nicht unbedingt einfach. Als wir eine alte Stahlbrücke über der Malbergbahntrasse erreichen, erkennen wir, wie die Natur sich im Laufe von fast dreißig Jahren alles zurück erobert hat. Ein umgestürzter Baum lässt nur wenige Durchlässe frei und zwingt uns zu einer kleinen Kletterpartie. Ein paar Meter weiter bietet sich uns ein wunderschöner Ausblick auf das Zentrum von Bad Ems. Dort haben wir auch vorerst den höchsten Punkt der heutigen Etappe erreicht. Wir dürfen jetzt wieder ins Tal wandern, wobei der Waldweg des Öfteren durch längere Graspassagen unterbrochen wird. Allem Anschein nach wohnen in diesen Abschnitten kleine stechfreudige Krabbelwesen, denn unsere Beine weisen jetzt einige leicht gerötete und fürchterlich juckende Stellen auf. Hin und wieder haben wir den Eindruck, dass hier selten Menschen hergehen, die Wege sind teilweise dicht zugewachsen.
Dies zeigt sich besonders nach dem Abzweig zum Haus Lindenbach, den ich sicherlich nicht noch einmal gehen würde, auch wenn er so markiert ist. Ich werde demnächst einmal prüfen, ob es keine andere Möglichkeit gibt. Hier müssen wir cirka zweihundert Meter durch dichtes Gestrüpp und Gras gehen, unsere Schuhe sind bald klatschnass, weil sich noch Morgentau und Reste des nächtlichen Regens darin verstecken. Leider ist am nächsten Querweg keine Markierung erkennbar, wir laufen auch prompt in die falsche Richtung, kommen aber direkt vor dem Eisenbahnererholungsheim Haus Lindenbach heraus. Es heißt wieder umzukehren und anhand der Wanderkarte den richtigen Weg festzustellen. Wir gelangen auf eine Straße, die wir in Richtung Westen einschlagen. Kurz darauf besteht noch einmal die Möglichkeit, seine Vorräte in einem Supermarkt aufzufüllen, wir sind aber bereits gut versorgt. Obwohl wir jetzt schon über zwei Stunden unterwegs sind, befinden wir uns immer noch in der Gemarkung Bad Ems.
Hinter dem Klärwerk müssen wir über eine betonierte Straße wieder etwas an Höhe gewinnen. Dort tänzelt ein bunter Schmetterling um uns herum, lässt sich auf einem Strauch nieder und flattert mit seinen Flügeln als wolle er uns einen guten weiteren Weg wünschen. Wir haben wieder ebenes Geläuf erreicht, unterhalb von uns erscheinen die ersten Häuser von Nievern. Wenige Schritte weiter machen wir am Sportplatz eine kurze Pause, um uns zu stärken. Christian klagt über leichte Schmerzen in der linken Wade, die Insektenstiche haben das Bein anschwellen lassen. Wir folgen dem Weg nach Miellen, der immer schmaler wird und letztendlich gerade soviel Platz lässt, dass ein einzelner Pilger vorwärts kommt. Ein wachsames Auge ist erforderlich, denn links befindet sich ein Abgrund.
Aus dem Jahre 1908 stammt das Wasserwerk von Miellen und Nievern, versteckt im Wald liegend, das wir an einer Wegegabelung links liegen lassen. Bald darauf treffen wir auf einen Wegweiser, der unter anderem auf eine Stempelstelle für den Lahn-Camino hinweist. Wir überlegen nicht lange und folgen ihm. Von einer Stempelstelle in Miellen habe ich vorher noch nicht gehört. Wir werden nicht enttäuscht, mitten im Dorf hängt an einer Informationstafel ein Holzkästchen. Darin befinden sich ein angeketteter Stempel und ein Stempelkissen. Umgehend drücke ich den Stempel mit einem Motiv aus Jakobsmuschel und Gedächtniskapelle in unsere Pilgerausweise. Eigentlich kann man diesen lohnenswerten Abstecher nicht als Umweg bezeichnen, denn rasch befinden wir uns wieder auf dem Camino und suchen nun die besagte Gedächtniskapelle auf, die etwas oberhalb des Weges liegt. Die Kapelle wurde im Jahre 1952 zum Gedenken an alle Gefallenen der Kriege dieser Welt errichtet. Wir setzen uns einen Augenblick in die Kapelle und Christian entzündet eine Kerze. Vom Plateau der Kapelle schaut man auf Lahn und die anliegenden Flußwiesen.
Der Camino windet sich nun abwärts zu einer kleinen Straße, wir biegen nach links ab und stehen vor einem Schriftstein. Dieser bestätigt unsere eingeschlagene Richtung in das Mühlenbachtal, das seit 1904 Schweizertal heißt. Im weiteren Verlauf gibt es vier weitere Steintafeln, die an die hier platzierten Mühlen aus dem frühen 18. Jahrhundert erinnern. Nur eine davon ist gänzlich erhalten geblieben, von allen anderen lassen sich nur noch einige Bruchsteinmauern erahnen. Auf mehr oder weniger breiten Pfaden dauert es nun einige Zeit, bis wir durch dicht bewachsene Felsengen oder manchmal auch breitere Grünflächen an dem heute nicht mehr reißenden Mühlenbach das Ende erreichen. Die dort befindliche Bank ist wie eine Einladung und eine Belohnung für eine kurze Rast.
Über uns ziehen nun dunklere Wolken am Himmel auf, wir hoffen aber weiterhin, nicht in einen Schauer zu geraten. Über einen Feldweg gelangen wir nach Frücht, wo wir im Prinzip einmal um den Ort geführt zu werden. Dies hat auch seinen besonderen Grund, denn neben der Besichtigung der evangelischen Thomaskirche haben wir die Möglichkeit, die Gruft des Freiherrn von Stein zumindest von außen zu sehen. Das Gelände selbst ist durch eine Mauer und ein verschlossenes Tor für Besucher abgesperrt und nicht betretbar. Nach unserer Dorfrunde verlassen wir Frücht über einen Feldweg. Dann gibt es Schwierigkeiten, wir können keine Wegzeichen mehr finden, da muss die Wanderkarte helfen. Die auf der Karte angegebene Richtung weist rechts hinab in ein Tal, und tatsächlich entdecken wir versteckt an einem Baum eine gelbe Jakobsmuschel. Christian hat jetzt bei jedem Schritt Schmerzen, die Wade gleicht einer roten Kugel. Daher fassen wir den Entschluss, die Etappe in Friedrichssegen abzubrechen und an einem anderen Tag fortzusetzen. Ich rufe meine Frau an, sie wird uns an der Lahnbrücke abholen. Hierzu müssen wir allerdings noch gut zwei Kilometer durch das Erzbachtal hinab an die Lahn laufen. Es dauert nicht lange, da sehen wir unser Auto um die Ecke biegen. So beschließen wir diesen Pilgertag und genießen zu Hause eine angenehm temperierte Badewanne.
16. Juli 2009 Lahnstein, Hospitalkapelle
Bis heute steht noch kein Tag fest, an dem wir den Lahn-Camino abschließen wollen. Da es in Lahnstein im Stadtarchiv den letzten Stempel gibt, müssen wir uns ein wenig an dessen Öffnungszeiten orientieren. Aus diesem Grund fahre ich nach Lahnstein und erwische im Archiv auch einige Leute. Ich erhalte für unsere Pilgerpässe den Stempel mit einem Motiv der Hospitalkapelle. Ein Herr bietet mir an, die Hospitalkapelle auf der anderen Seite zu zeigen. Gerne nehme ich das Angebot an. So erhalte ich eine persönliche Führung durch die rund siebenhundert Jahre alte Kapelle, die in früheren Zeiten tatsächlich Pilger beherbergte. Zeugnis davon lieferten die Funde bei Restaurierungsarbeiten, bei denen unter anderem auch das Grab eines unbekannten Pilgers mit den Resten einer Jakobsmuschel gefunden wurde. Die Kapelle sieht von außen sehr unscheinbar aus und ist als solche eigentlich gar nicht erkennbar. Das Portal ist mit feinen Pilger- und Muschelverzierungen versehen und besitzt ein kleines Fenster, damit auch bei verschlossenen Türen ein Blick in die Kapelle möglich ist. Geht man die nächste Straße links hinein und biegt nach ca. 50 Metern wieder links ein, hat man eine gute Sicht auf den Chor. Ich bedanke mich herzlich für die informative Führung und fahre wieder nach Hause.
20. Juli 2009 Von Friedrichssegen nach Lahnstein
Christian und ich haben uns nun doch entschlossen, den Lahn-Camino so schnell wie möglich zu beenden und uns den bereits erhaltenen Pilgerstempel zu verdienen. Für heute haben wir großes vor: zunächst marschieren wir von Friedrichssegen nach Lahnstein, anschließend ist geplant, direkt die erste Etappe des Mosel-Camino anzuhängen. Um 8.00 Uhr bringt meine Frau uns zu der Stelle, an der wir in der vergangenen Woche den Lahn-Camino verlassen haben. Wir befinden uns in einem ehemaligen Erzgrubengebiet, überall stößt man auf Zeugen dieser vergangenen Tage. Der Camino meint es direkt gut mit uns, die erste Aufgabe des heutigen Tages besteht darin, aus den Niederungen des Lahntales bis auf die Lahnhöhen zu "klettern". Zum Glück für unsere noch ungeschmeidige Muskulatur, dass der Weg nur sehr gemächlich ansteigt. Am Waldruheplatz Spiessborn erreichen wir die Landstraße nach Lahnstein und laufen ein Stück an deren Rand. Kurz darauf können wir bereits weit in den Hunsrück hinein sehen, unter anderem auch den Sendemast des Südwestrundfunks, an dem wir am Nachmittag auch noch vorbeilaufen werden.
Wir steuern nun genau auf das Lahnsteiner Kur- und Wochenendgebiet zu, dabei bewegen wir uns durch Hohlwege, über Wiesenpfade und schließlich auch über felsigen Untergrund, der teilweise sehr rutschig ist. Manchmal müssen wir uns klein machen, um unter umgestürzten Bäumen hindurch zu gelangen. Dafür entschädigen die prächtigen Ausblicke auf das Lahntal. Nun geht es immer weiter bergab durch Getreidefelder bis zu den ersten Häusern von Lahnstein, einem Pferdegestüt. Hier überholen wir zwei Wanderer, die ersten seit langer Zeit auf dem Camino. Auf der anderen Lahnseite thront auf einer Anhöhe die Allerheiligenbergkapelle. Kurz bevor wir in Richtung Burg Lahneck abbiegen, passieren wir am Wegesrand eine kleine Kapelle, an der wir einen Moment verweilen. Am noch geschlossenen Lahnsteiner Schwimmbad zweigt der Weg rechts ab. Nur noch eine Straßenbiegung und wir stehen vor dem zugegebenermaßen kleinen Eingangsportal der Burg Lahneck. Wir verzichten jedoch auf eine weitere Besichtigung, da noch eine gute Strecke vor uns liegt. So machen wir uns lieber an den Abstieg, der uns in Serpentinen einen schmalen Pfad durch den stark bewaldeten Burgberg hinabführt. Seine Fortsetzung findet der Camino auf dem Lahnuferweg, unter der Rudi-Geil-Brücke durch und dann nach links in die Innenstadt von Oberlahnstein zur Hospitalkapelle. Zwischendurch kommen wir an einem Hinweisschild zum Mosel-Camino vorbei, da gehr es aber erst nachher hin. Die Hospitalkapelle betrachten wir uns zumindest von außen, ein Blick hinein durch das Fenster im Portal ist auch möglich. Auch den rückseitigen Chor lassen wir uns nicht entgehen, einige in dem Bereich wohnenende Leute schauen uns seltsam an. Vielleicht fühlen sie sich auch nur in ihrer Ruhe gestört, wir sind wohl nicht die ersten Pilger, die in dieses versteckte Gässchen kommen.
Vor der Hospitalkapelle beenden wir am heutigen Tag den Lahn-Camino. Insgesamt bin ich 166,5 Kilometer gelaufen, Christian war davon 54,5 Kilometer mit dabei. Allerdings sind darin auch einige Umwege und zusätzliche Wege enthalten, die nicht im eigentlichen Streckenverlauf vorgesehen sind.










