Von Metz nach Pont-á-Mousson (17. Juni 2011)
Heute werde ich alleine laufen. Jörg möchte sich lieber ausruhen und seine Füße nicht zu sehr belasten. Morgen will er dann versuchen, wieder dabei zu sein. Bevor es losgeht, nehmen wir zwei Stockwerke tiefer unser Frühstück ein. Es gibt hier im Hotel kein Frühstücksbüffet, jeder Gast bekommt ein Tablett auf den Tisch gestellt. Darauf befindet sich ein Kännchen Kaffee, Kakao oder Tee, ein Brötchen, ein Croissant und ein Schokocroissant. Dazu gibt portioniert Butter, Honig und Marmelade. Auf den ersten Blick erscheint das sehr spärlich, aber nachdem alles vertilgt ist, macht sich doch ein Sättigungsgefühl breit. Wir gehen wieder in unser Zimmer und ich packe meinen Rucksack ein. Heute brauche ich nicht so viel einpacken, nur das Nötigste. Am Abend werde ich nämlich von meinem Etappenziel mit der Bahn nach Metz zurück fahren, da wir eine weitere Nacht in Metz verbringen werden.
Dann verlassen wir das Hotel und gehen zunächst in Richtung ehemalige Zitadelle, hinter der sich eine ehemalige Kapelle des Templerordens befindet. Diese ist jedoch verschlossen. Über die Esplanade, einen schön angelegten Garten, gelangen wir ins Zentrum der Stadt. Nach einigen Ecken stehen wir auf dem Place Jean-Paul II und kommen aus dem Staunen nicht heraus. Vor uns baut sich in großer Höhe die Kathedrale Saint Etienne auf. Je näher wir dem Gotteshaus kommen, desto mächtiger erscheint das Bauwerk. Schon das Portal mit seinen zahlreichen Verzierungen und Statuen bannt die Blicke. Wir gehen um die Kathedrale nach links herum und suchen den Eingang. Diesen finden wir aber erst nach fast einer vollständigen Umrundung. Im Inneren werden wir von der großzügigen Räumlichkeit überrascht. Wir machen einen Rundgang durch die Kathedrale, schauen uns die verschiedenen Altäre in den Seitennischen oder uralte Fresken an den Pfeilern an. Besonders interessant sind die bunten Fenster von Marc Chagall, die sich trotz der kräftigen Farben harmonisch in das ganze einfügen. Bevor wir die Kathedrale verlassen, bekommen wir noch einen Stempel für den Pilgerausweis und entzünden eine Kerze.
Dann trennen sich die Wege von Jörg und mir für heute. Ich ziehe weiter an das Ufer der Mosel, laufe dort an der Kirche Tempel Neuf über Holzplanken. Der Weg führt dann durch eine Allee in einem Park und überquert einen Kanal. Ich passiere noch das Stadion des FC Metz und bleibe dann knapp acht Kilometer auf einem wunderschönen Weg entlang des Kanals. Hier bin ich beinahe ungestört. Hin und wieder begegnen mir Läufer oder Fahrradfahrer. Auf dem Wasser tummeln sich Enten und Schwäne mit ihrem Nachwuchs, durch die Luft schwingen sich einige Vögel. Für mich ist dieser Abschnitt bislang das schönste, das der Jakobsweg in Frankreich zu bieten hatte. Ich bin so sehr in Gedanken versunken, dass ich an einer Sitzecke an vier Männern vorbei gehe und erst spät eine Jakobsmuschel an einem ihrer Rucksäcke wahrnehme. Da wird mir auch schon ein erfreutes „bonne route“ entgegen geschmettert. Wie ferngesteuert bringe ich „nur“ ein schnelles „buen camino“ heraus und gehe gedankenverloren weiter. Hinter mir höre ich dann im Unterbewusstsein noch: „Der kommt aus Deutschland.“ Erst viel später bin wieder „anwesend“ und verstehe diesen Satz. Ich hatte wohl zum Zeitpunkt des Zusammentreffens meinen Pilgerführer in der Hand, an dem ich erkannt wurde. Ich ärgere mich, dass ich nicht stehen geblieben bin, um wenigstens ein bisschen mit den anderen Pilgern zu reden. Jetzt ist es zu spät, es geht weiter.
Ich überquere jetzt die Mosel und gehe auf die andere Seite, lasse dort Ars-sur-Moselle und Ancy-sur-Moselle rechts liegen. Kurz vor Dornot passiere ich einen Sportplatz, dessen grüner Rasen mich nach gut fünfzehn Kilometern Strecke zu einer Mittagspause überredet. Die Pause tut gut, ich ziehe Stiefel und Socken aus und lasse alles in der Sonne trocknen. Dann lasse ich mir etwas Salami, einen Apfel und ein erfrischendes Getränk schmecken. Nach einer guten halben Stunde mache ich mich wieder marschbereit. Zunächst überquere ich die Bahntrasse und gehe nach Dornot hinein. Mitten in dem Dörfchen biege ich nach links ab und treffe auf einen Wiesenweg, der von Gärten flankiert wird. Über einige der Gartenzäune ragen Kirschzweige auf den Weg, so dass ich beinahe nur den Mund öffnen muss, um in den Genuss süßer Früchte zu kommen. Bald komme ich nach Novéant-sur-Moselle, kurz dahinter nach Arnaville. Letzteres war nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 sogar Grenzort. Nun laufe ich wieder abwärts und befinde mich kurz darauf erneut an einem der Kanäle, die parallel zur Mosel verlaufen. An diesem verbleibe ich die nächsten sieben Kilometer. Eigentlich war diese Etappe nur bis Pagny-sur-Moselle vorgesehen. Dort habe ich dann aber wohl den Abzweig zum Bahnhof verpasst und mich daraufhin kurzfristig entschieden, noch etwas weiter zu laufen. Nicht weit von der neuen TGV-Brücke zweige ich vom inzwischen breiter gewordenen Kanal ab und befinde mich am Bahnhof von Vandières. Leider habe ich den letzten Zug um gut fünfzehn Minuten verpasst, und der nächste fährt erst in neunzig Minuten ab.
An einer Tankstelle fülle ich zunächst meine Getränkevorräte auf und mache mich dann an einen etwas längeren Aufstieg, der mich nach Norroy-lès-Pont-á-Mousson bringt. Danach geht es noch ein weiteres Stück bergauf in den Priesterwald. Hier gab es im ersten Weltkrieg eine blutige Schlacht zwischen Deutschen und Franzosen. Auf dem Weg verliere ich kurzfristig die Orientierung und stehe in einer Sackgasse, überquere dann eine Wiese und bin dann wieder richtig. Nach gut drei Kilometern durch den Wald erreiche ich Montauville. Ich folge der Landstraße abwärts und bin in meinem endgültigen Zielort Pont-á-Mousson angekommen. Hier kostet mich ein weiterer Augenblick der Desorientierung noch einmal einen Umweg von zwei Kilometern, bis ich den Bahnhof erreiche. Ich kaufe mir ein Bahnticket und fahre zurück nach Metz. Um 18:30 Uhr bin ich zurück im Hotel. Jörg ist auch da und ist eigentlich guter Dinge, morgen wieder mitlaufen zu können. Durch meine lange Strecke am heutigen Tage verkürzt sich unsere morgige Etappe deutlich auf elf Kilometer. Jetzt ist erst einmal duschen und Fußpflege angesagt. Ich habe bisher keine Blessuren und bin froh darüber. Wir entscheiden uns, zum Abendessen wiederum das gleiche Restaurant aufzusuchen, wie gestern. Dort ist heute Abend wesentlich mehr los. Wir wählen erneut das Menü für zwanzig Euro. Dieses Mal bekommen wir Salat mit gebackenem Ziegenkäse, Rindertartar mit Pommes und zum Abschluss nochmals ein Mousse au Chocolat.











